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BERICHT/056: Klimacamp trifft Degrowth - und nicht allein ... (SB)


Selbstbestimmt, solidarisch, herrschaftskritisch

Klimacamp und Degrowth-Sommerschule in Lützerath im Rheinischen Braunkohlerevier



Transparent 'System Change Not Climate Change' - Foto: 2015 by Schattenblick

Foto: 2015 by Schattenblick

Immer kürzer wird die Halbwertzeit, in der oppositionelle Bewegungen institutionell und parlamentarisch eingebunden und so ihrer basisdemokratischen Wirkung enthoben werden. Brauchten die Grünen noch rund 20 Jahre, um von einer linksalternativen Protestbewegung zur staatstragenden Kriegspartei zu mutieren, so scheint die Sozialdemokratisierung der Partei Die Linke in weit kürzerer Zeit dazu zu führen, daß der sozialistische und antimilitaristische Gründungskonsens obsolet wird. In Griechenland vollzog sich dieser Prozeß vor den Augen der europäischen Linken innerhalb eines halben Jahres. Ob die linke Syriza-Regierung nun als Opfer EU-europäischer Erpressung entschuldigt oder des von Anbeginn an ungenügenden Mutes zu radikalen Entscheidungen bezichtigt wird, im Ergebnis ist diese Niederlage ein schwerer Schlag ins Kontor der reformistischen Hoffnungen europäischer Linksparteien.

Nicht viel anders ergeht es manchen sozialen Bewegungen, die über ihre Institutionalisierung als sogenannte Nichtregierungsorganisation (NGO) ein Ausmaß an Professionalisierung erreichen, das jegliche offene Konfrontation mit Staat und Kapital frühzeitig verhindert. Mündet die zur Überwindung herrschender Widerspruchslagen erarbeitete Kompetenz schließlich in reguläre Politikberatung, dann sind systemkonformen Befriedungsstrategien Tür und Tor geöffnet. Kooptation, Co-Management, Akzeptanzmanagement, Konsensmanagement - das umfassende Arsenal der Zurichtung oppositioneller Interessen auf die Homogenisierung der Gesellschaft firmiert unter zahlreichen Termini technici, doch gemeint ist immer dasselbe - Unterwerfung unter herrschende Dispositive nicht als Akt brutaler Repression oder Ergebnis von Disziplinargewalt, sondern als bereitwillige Anpassung an die Alternativlosigkeit vermeintlicher Sachzwänge, mithin Ausdruck innerer Zustimmung und freiwilligen Handelns.


Signatur des Klimacamps und der Sommerschule im Versammlungszelt - Foto: 2015 by Schattenblick

Foto: 2015 by Schattenblick

Zwischen Greenwashing und radikalökologischer Gegenposition

Die Debatte um die Verhinderung der katastrophalen Folgen des Klimawandels wird zwischen den Antipoden des grünen Kapitalismus respektive der Green Economy und der Erkenntnis geführt, daß sich die menschengemachte Anreicherung der Atmosphäre mit klimaschädlichen Gasen nurmehr durch eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft, ihrer Produktionsweisen und Verbrauchsniveaus zugunsten der Aufgabe bisheriger Wachstumsorientierung erreichen läßt. Für die seit acht Jahren in der manifesten Krise befindliche Finanzwirtschaft eröffnen Investitionen in sogenanntes Naturkapital, in klimaneutrale Produktionsweisen und Techniken erneuerbarer Energieerzeugung Möglichkeiten der Kapitalverwertung, die glauben machen, es bedürfe keiner Korrektur des Wachstumsprimats, sondern lediglich einer technischen Effizienzsteigerung, mit Hilfe derer auf umweltverträgliche Weise weitergemacht werden könne wie bisher.

Die radikaleren Teile der sozialökologischen Bewegung stellt dieser Glaube vor die Aufgabe, nicht nur an technischen Lösungen zur Verhinderung des Klimawandels zu arbeiten und die größten Verschmutzer lahmzulegen, sondern auch zu zeigen, wie eine zukünftige Gesellschaft aussehen könnte, die nicht dem Primat des konkurrenzgetriebenen Wettbewerbs und der abstrakten Geldlogik unterliegt. Dies kann nicht allein in Theoriezirkeln oder an Universitätsseminaren geschehen, stößt jeder Versuch, gesellschaftliche Widersprüche unter Parteinahme für die Seite der Ausgebeuteten und Unterdrückten zu überwinden, doch schnell auf die Frage der konkreten Machbarkeit, sprich der Macht. Was der antikapitalistischen Linken und radikalökologischen libertären Bewegung auch in Hinsicht auf das Mensch-Natur-Verhältnis seit jeher klar ist, wird immer mehr Menschen bewußt, die sich bisher nicht politisch engagiert haben.

Dabei begreifen sie angesichts des Versagens der internationalen Politik, des grassierenden Wirtschaftslobbyismus in Parteien und Regierung wie auch der ungeminderten Dynamik kapitalistischer Landnahme heute mehr denn je, daß es bei der Verhinderung der sozialen und ökologischen Folgen des Klimawandels mit parlamentarischer Stellvertreterpolitik oder anderen Formen administrativer Verfügungsgewalt nicht getan ist. "Klimaschutz ist Handarbeit" - die in Lützerath dieser Tage häufig zu vernehmende Devise läßt sich auf alles anwenden, was im übertragenen wie wortwörtlichen Sinne in die eigenen Hände zu legen ist, um es nicht der ungreifbaren Abstraktheit eines Nutzens zu überlassen, über den auf den Kommandohöhen von Staat und Gesellschaft befunden wird.


Veranstaltungszelte und großes Versammlungszelt - Fotos: © 2015 by Schattenblick Veranstaltungszelte und großes Versammlungszelt - Fotos: © 2015 by Schattenblick Veranstaltungszelte und großes Versammlungszelt - Fotos: © 2015 by Schattenblick

Zelte in allen Größen und Formen ...
Fotos: © 2015 by Schattenblick


Campingzelte im Wohnbereich - Fotos: © 2015 by Schattenblick Campingzelte im Wohnbereich - Fotos: © 2015 by Schattenblick Campingzelte im Wohnbereich - Fotos: © 2015 by Schattenblick

... für ein nomadisches Dorf
Fotos: © 2015 by Schattenblick

Zwar hat die Debatte um die Wachstumsproblematik seit der von über 3000 Personen besuchten Degrowth-Konferenz in Leipzig vor einem Jahr [1] weiter Fahrt aufgenommen, doch die praktische Realisierung der Wachstumskritik war angesichts des akademischen Charakters der an der Universität Leipzig abgehaltenen Konferenz eher schwach ausgeprägt. Einen großen Schritt in Richtung Klimaaktivismus und seiner Konstitution als veritable Bewegung unternahm das Degrowth-Konzept dieses Jahr mit einer Sommerschule, die in das sechste Klimacamp im Rheinischen Braunkohlerevier integriert war. Die europaweite Verschmutzung, die von den drei Braunkohletagebauen und fünf Kohlekraftwerken der Region ausgeht, wurde dort nicht nur in Wort und Schrift angeprangert, vielmehr erreichte das Camp mit der Massenaktion "Ende Gelände" am 15. August seinen Höhepunkt.

Mit der mehrjährigen Besetzung des Hambacher Forstes und der Verteidigung des Restes dieses uralten Waldes gegen die Rodungsmaschinen und Schaufelradbagger wird im Rheinischen Braunkohlerevier ein Zeichen gegen die Naturzerstörung durch Kohleverstromung gesetzt, das inzwischen weltweit wahrgenommen wird. Der herrschaftskritische und selbstbestimmte Charakter dieses Kampfes war auch im Klimacamp allgegenwärtig. Damit erfüllte es im Ansatz auch die Aufgabe eines sozialen Labors, in dem neue Formen des Zusammenlebens, des kollektiven Arbeitens, der Emanzipation von individuellem Dominanzstreben wie auch der Organisation basisdemokratischer Willensbildung erprobt werden können.


Aushang am Infopoint - Fotos: © 2015 by Schattenblick Aushang am Infopoint - Fotos: © 2015 by Schattenblick Aushang am Infopoint - Fotos: © 2015 by Schattenblick

Orientierung im Dschungel der Termine und Orte
Fotos: © 2015 by Schattenblick

Lag auch der Schwerpunkt des insgesamt zehn Tage andauernden Camps auf dem umfangreichen Programm, das mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen, einmaligen Workshops wie mehrtägigen Kursen zu bestimmten Themen, Exkursionen ins Braunkohlerevier, Konzerten und Theatervorführungen keinen Wunsch offenließ, so bildete die so umfassende wie detaillierte Strukturierung des zusammen Lebens, Arbeitens und Kämpfens quasi den kollektiven Bewegungsapparat, auf dem alles andere aufsetzte.

All dies sollte hierarchiefrei und selbstbestimmt erfolgen, was nicht bedeutete, daß individuelle Kompetenz nicht auch die Übernahme von Verantwortung in einem größeren Ausmaß zur Folge hatte. Alle wesentlichen Entscheidungen wurden jedoch in verschiedenen Plena und Räten getroffen, so daß sich jeder Mensch seinem Interesse gemäß einbringen konnte. Indem der Besprechung aller auftretenden Probleme umfassend Rechnung getragen wurde, bildete sich eine kollektive Handlungsfähigkeit heraus, der man die vorherige Arbeit an der Struktur der Kommunikations- und Entscheidungsprozesse kaum anmerkte. Ob beim Abwasch oder dem Entleeren der Komposttoiletten, dem Abernten des Ertrags eines gespendeten Kohlrabifeldes oder der Zubereitung veganer Mahlzeiten für bis zu 1500 Menschen, bei der Kinderbetreuung oder der nächtlichen Wache, bei der Rechtsberatung oder im Sanitätszelt, alles erfolgte im größeren Ganzen der Bemühung, der von Lohnarbeit und Überlebenskonkurrenz bestimmten Gesellschaftsordnung entgegenzuhalten, daß es auch anders geht.


Windkrafträder vor dem Klimacamp - Foto: © 2015 by Schattenblick

Wachstumsproblem mit erneuerbarer Energie gelöst?
Foto: © 2015 by Schattenblick

Zwar wurden das Camp und die Sommerschule zum Teil durch Gelder von Stiftungen und öffentlichen Einrichtungen finanziert, doch wurden institutionelle Förderer weder explizit gewürdigt noch nahmen sie anderweitig spürbaren Einfluß auf den Verlauf des Geschehens. Ein Gutteil der Kosten für das Camp und die Versorgung mit Essen und Getränken wurde jedoch auf Spendenbasis bestritten. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Klimacamps und der Degrowth-Sommerschule wurde an keiner Stelle konkrete Zahlung abverlangt, sind solidarisches Handeln und Kontrollzwang doch unvereinbar miteinander. Die Abwesenheit der üblichen auf den Geldverkehr bezogenen Form von Überwachung entsprach der Freizügigkeit des sozialen Umgangs - Gespräche und Begegnungen waren jederzeit möglich, aber es existierte auch dort kein irgendwie gearteter Zwang, sich dementsprechend zu profilieren.

Sicherlich läßt sich ein befristetes Ereignis dieser Art nicht verallgemeinern, und es besteht auch kein Grund zu idealisieren, was erst in der Situation akuter Bedrängnis Belastbarkeit und Haltbarkeit beweist. Dennoch wurde das Vorhaben, mit dem Camp auch einen geschützten Raum für alle dort anwesenden Menschen zu schaffen, auf überzeugende Weise realisiert. Vorher getroffene Absprachen, möglichst nicht mit unbekleidetem Oberkörper herumzulaufen, weil das Frauen benachteiligt, wurden ebenso eingehalten wie die Respektierung bestimmter Bereiche, in denen keine Drogen und kein Alkohol konsumiert und sich leise verhalten werden sollte.


T-Shirts und Schutzanzüge werden beschriftet - Fotos: © 2015 by Schattenblick T-Shirts und Schutzanzüge werden beschriftet - Fotos: © 2015 by Schattenblick T-Shirts und Schutzanzüge werden beschriftet - Fotos: © 2015 by Schattenblick

Zeichen setzen für Ende Gelände
Fotos: © 2015 by Schattenblick

Den einzelnen Menschen in die Lage zu versetzen, eigenständig zu handeln und die Interessen anderer zu respektieren, bedurfte hier keiner besonderen sozialpädagogischen Didaktik, sondern entstand schlichtweg daraus, daß nur nach Lützerath kam, wer die Erfordernis, anders zu leben, längst zu seiner Sache erklärt hat. Rund 1500 Menschen aus 50 Ländern hielten sich am Aktionswochenende im Klimacamp auf, und obgleich sich nicht wenige Medienarbeiterinnen und -arbeiter unter ihnen befanden, wurde nur zurückhaltend fotografiert und gefilmt, mußte doch jede auf einem Bild zu erkennende Person vorab um ihre Zustimmung gefragt werden.

So war das Klimacamp 2015 kein Event im herkömmlichen Sinne, kein dem Konsum von Unterhaltung oder der Profilierung der eigenen Person gewidmetes Ereignis. Es war ein Treffen im Grundsatz klimapolitischen Handlungsbedarfs gleichgesinnter, von der politischen Position wie individuellen Lebensform her aber auch ganz unterschiedlicher Menschen. Zu lernen gab es ungeheuer viel - wie Menschen miteinander umgehen können, wenn sie im andern nicht von vornherein den Konkurrenten sehen, wie Gruppenprozesse sinnvoll strukturiert werden können, wie man lebenswichtigen gesellschaftlichen und sozialökologischen Fragen im Gespräch auf den Grund gehen kann und daß all das mit konventionellen Formen etablierter Stellvertreterpolitik nichts zu tun hat.


Morgendämmerung mit Abgaswolken von Braunkohlekraftwerken - Foto: © 2015 by Schattenblick

Morgendämmerung im Braunkohleland
Foto: © 2015 by Schattenblick


Fußnoten:


[1] Degrowth-Konferenz in Leipzig 2014 im Schattenblick unter dem Sammeltitel "Aufbruchtage"
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http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/ip_buerger_report_bericht.shtml
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/ip_buerger_report_interview.shtml


Klimacamp und Degrowth-Sommerschule 2015 im Schattenblick
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BERICHT/054: Klimacamp trifft Degrowth - Keine Umweltkehr ohne Aufbegehr ... (SB)
BERICHT/055: Klimacamp trifft Degrowth - Kein Feld bleibt aus ... (SB)

25. August 2015


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