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DOKUMENTATION/1658: ZDFzeit "Wir im Krieg. Privatfilme aus der NS-Zeit", am 06.08.2019 (ZDF)


Wir im Krieg. Privatfilme aus der NS-Zeit
ZDFzeit-Dokumentation
Dienstag, 6. August 2019, 20.15 Uhr

Inhalt:
– Über die Dokumentation
– Stab
– Über die Privatfilmer und ihr Material
– Erinnerungen an die NS-Zeit in Original-Farbfilmen


Über die Dokumentation

Auf Dachböden, in Kellern und diversen Archiven, in Sammlungen von Familien und Einzelpersonen schlummert ein nahezu vergessener Schatz: Es sind die privat gedrehten Filme unserer Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern. Die "Filmpioniere" von einst haben ihr Leben auf Schmalfilm gebannt, auch in der NS-Zeit und während des Zweiten Weltkriegs. Fernab aller Propaganda- und Wochenschaukameras zeigen sie ein anderes Bild der Geschichte, liefern unzensiert und ungefiltert Einblicke in den Alltag von damals. Filmwissenschaftler Dr. Tobias Ebbrecht-Hartmann (Hebrew University Jerusalem), die Historiker Prof. Isabel Heinemann (Universität Münster) und Prof. Dietmar Süß (Universität Augsburg), Stadthistoriker Thorsten Mietzner (Lahr), Sozialwissenschaftler Prof. Harald Welzer sowie Dr. Janosch Steuwer (Universität Zürich), der über 140 Tagebücher aus der NS-Zeit ausgewertet hat, analysieren, was diese Filme zeigen und was sie verschweigen.Die Aufnahmen, viele davon in Farbe und zum ersten Mal zu sehen, zeugen auch vom schleichenden Prozess der Vereinnahmung und Radikalisierung, die systematische Entrechtung und Vertreibung der Juden, die Auswirkungen des Krieges auf das Leben der Menschen in NS-Deutschland.

"Es ist erstaunlich, wieviel Filmmaterial 80 Jahre nach Kriegsbeginn noch nie öffentlich gezeigt wurde", sagt Stefan Brauburger, Leiter der Redaktion Zeitgeschichte. "Es sind aufschlussreiche Einblicke in jene Zeit, die auch vor Augen führen, wie selbstverständlich sich viele Menschen in den Alltag des NS-Regimes einfügten."

Autor Jörg Müllner ist es gelungen, bei umfangreichen Recherchen bemerkenswerte Funde zu Tage zu fördern, etwa aus der Stadt Lahr im Schwarzwald. Dort beauftragte einst die Stadtverwaltung ortsansässige Filmer und Fotografen, den Alltag in Lahr vom Tag der Machtübernahme Hitlers bis zum Kriegsende zu dokumentieren. Die Filmaufnahmen – viele davon in Farbe – zeigen, wie das Städtchen immer mehr vom Nationalsozialismus vereinnahmt wird: Zu sehen sind Paraden und Aufmärsche mit Volksfestcharakter, aber auch der Judenboykott und die zunehmende Bedrohung für die jüdischen Bürger in Lahr.

"Ich kann mich noch gut erinnern, als ich diese Aufnahmen zum ersten Mal gesehen habe", sagt Stadthistoriker Thorsten Mietzner, "ich habe die Stadt, mit der ich mich zu diesem Zeitpunkt schon fünfzehn Jahre beschäftigt hatte, nicht mehr wiedererkannt. Ich hatte das Gefühl, dass Lahr in den Jahren zwischen 1933 und 1939 förmlich getränkt worden ist vom Nationalsozialismus, das haben diese Bilder vermittelt. Und das machen Farbbilder deutlich stärker als Schwarzweißbilder." Wie in einem Mikrokosmos zeigen die Bilder aus Lahr das Leben in der NS-Diktatur: Was dort im Kleinen geschah, ist auch im Großen geschehen.

Privatfilme aus anderen Regionen Deutschlands zeigen die letzten friedlichen Tage vor Kriegsbeginn, etwa Aufnahmen des jungen Ehepaares Höse aus Leipzig von ihrer Hochzeitsreise Ende August 1939, die sie entlang der Oder machen. Während die jungen Leute ihre Flussfahrt in einem Faltboot genießen und in damals noch unzerstörten Städten wie Breslau und Stettin Halt machen, laufen die Kriegsvorbereitungen des NS-Regimes bereits auf Hochtouren. Tatsächlich zeugt auch der Amateurfilm der Höses davon: So paddeln die Frischvermählten an einem Lazarettschiff vorbei, das für den Überfall auf Polen am 1. September 1939 bereitsteht. "Das ist eine Paradoxie inmitten der anlaufenden Kriegsvorbereitungen trotz allem am privaten Glück festzuhalten", meint Historikerin Prof. Isabel Heinemann, "ich glaube, das kann für ziemlich viele Menschen zu diesem Zeitpunkt stehen. Man stellt ja nicht sein privates Leben auf 'Halt'. Man hofft ja auch immer, dass es gut ausgeht."

Aber auch Kriegsszenen wurden von Amateurfilmern festgehalten. Erschütternde Aufnahmen zeigen zerstörte Städte wie Düsseldorf oder Mainz nach Bombenangriffen und das Überleben der Menschen in den Trümmern. Der junge Götz Hirt-Reger aus Leipzig filmt seinen Einsatz beim Reichsarbeitsdienst, richtet seine Kamera aber auch auf die Ruinen von Warschau, als er 1940 einen Lkw in das von Deutschen besetzte Polen bringen muss. Die Aufnahmen zeigen die Zerstörungen nach den erbitterten Kämpfen, es gab 40.000 Tote. Als Hirt-Reger 1941 beim Angriff auf die Sowjetunion als Funkaufklärer der 20. Panzer-Division im Einsatz ist, hat er wieder seine Kamera dabei. Seine Farbfilmaufnahmen führen Etappen des erbarmungslosen Vormarschs der deutschen Wehrmacht vor Augen, mit brennenden Dörfern und der leidenden Zivilbevölkerung.

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Dienstag, 6. August 2019, 20.15 Uhr
Wir im Krieg. Privatfilme aus der NS-Zeit
ZDFzeit-Dokumentation

Autor: Jörg Müllner
Kamera: Axel Schneppat, Gerald Gareis, Clemens Wolfsperger
Schnitt: Patrick Pardella
Grafik: Bernd Schulder
Sprecher: Philipp Schepmann
Tonmischung: Andreas Frank
Produktion (ZDF): Carola Ulrich, Philipp Müller
Produktion (History Media): Hennes Grossmann, Isa Rekkab
Produzent: Jörg Müllner (History Media)
Redaktion: Anja Greulich
Leitung: Stefan Brauburger

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Über die Privatfilmer und ihr Material

Filme der Stadt Lahr:
Lahr im Schwarzwald hat 1939 etwa 18.000 Einwohner, ist überwiegend protestantisch, eine in vielerlei Hinsicht typische Kleinstadt. Dort wird in den 1930er und 1940er Jahren das Leben in der Stadt ausführlich auf 60 Filmrollen dokumentiert, insgesamt über 20 Stunden Film, auch in Farbe. Die Filme wurden im Auftrag der Stadtverwaltung gedreht, von ortsansässigen Fotografen. Sie waren für die Nachwelt gedacht und sollten den nationalsozialistischen Aufbau dokumentieren – eine einzigartige Chronik in aufschlussreichen Bildern.

Käthe und Erich Höse:
Käthe und Erich Höse aus Leipzig heiraten im August 1939 und verbringen ihre Flitterwochen im Faltboot auf der Oder. Ihre Reise von Ratibor nach Stettin dokumentieren sie auf 16mm-Farbfilm: Es sind die letzten friedlichen Tage kurz vor Kriegsbeginn am 1. September 1939. Weitere Farbfilme der Höses, die in Leipzig ein Lebensmittelgeschäft eröffnen, halten den Alltag der Familie in Kriegszeiten fest, darunter auch die Versorgung der Bevölkerung mitthilfe von Lebensmittelmarken.

Walter Hachenburg:
Hachenburg ist Unternehmer, betreibt in Bremen ein Geschäft für Schildermalerei und Leuchtreklame und dokumentiert mit seiner Kamera Familienereignisse und das Leben in Kriegszeiten. Im Sommer 1939 erwarten Hachenburg und seine Frau Grete Nachwuchs. Zwei Kinder hat das Ehepaar bereits, nun ist das dritte unterwegs. Die 16mm-Farbfilme zeigen die Vorbereitungen auf die Geburt und schließlich, im Februar 1940, die Ankunft eines kleinen Mädchens. Die Aufnahmen des begeisterten Hobbyfilmes Walter Hachenburg zeigen aber auch, wie der Kriegsbeginn den Alltag der Familie verändert: Übungen mit Gasmaske, die Anweisung zur "Verdunkelung", die Einrichtung von "Schutzräumen" für die Zivilbevölkerung in Bremen werden ebenso dokumentiert wie die Ausgabe von Lebensmittelmarken und das Sammeln für das sogenannte "Winterhilfswerk". Zu sehen ist, wie eine Familie Anteil nimmt am Leben in Krieg und Diktatur.

Hans Burscher:
Familie Burscher führt ein bürgerliches Leben in Berlin-Schöneberg. Familienvater Hans Burscher hat es als Inhaber eines Tonstudios und Schallplattenproduzent zu einigem Wohlstand gebracht. So kann er sich eine moderne Filmausrüstung leisten und filmt in strahlenden Farben vor allem private Motive: seine Ehefrau, Tochter Marion und Sohn Hans. Nur einmal schleicht sich die Politik in die aufwendig inszenierten Familienfilme. Als Hans Burscher Junior vom Reichsarbeitsdienst nach Hause kommt, salutiert er in Uniform vor seinen Eltern. "Es gibt sie, diese private Normalität", sagt die Historikerin Prof. Isabel Heinemann zu dieser Szene, "aber es kommt auch immer wieder vor, dass die NS-Symbolik hineingelassen wird in den Alltag."

Götz Hirt-Reger:
Zu den Hobbyfilmern gehört auch Götz Hirt-Reger aus Leipzig. Sein Vater, Inhaber des Schulbuchverlages Georg Hirt-Reger, hat aus den USA eine 35mm-Kodak-Kamera mitgebracht. Der Sohn entdeckt mit 16 Jahren sein Talent, filmt seine Modellschiffe, den Einsatz beim Reicharbeitsdienst und dokumentiert schließlich den Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, bei dem er als Funkaufklärer der 20. Panzer-Divison mit dabei ist. Götz Hirt-Reger macht später aus seinem Hobby einen Beruf, arbeitet in den letzten Kriegsjahren als Filmberichterstatter der deutschen Wochenschau.

Walther Lenger:
Walther Lenger aus Leipzig hat schon Anfang der 30er Jahre mit einem filmischenTagebuch begonnen. Er ist einer der fleißigsten Hobbyfilmer seiner Zeit, doch nicht alle seiner Filme sind erhalten geblieben. Seine Aufnahmen spiegeln seine Sicht auf die Ereignisse im März 1933, als er Hitlers Machtübernahme ebenso begrüßt wie die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung. Lenger ist angehender Zahlmeister der Wehrmacht, seine Frau Erika Musiklehrerin. Der Hobbyfilmer filmt stolz die reiche Ernte im Sommer 1939, den neuen Kühlschrank mit Eisfach, aber auch 1941 das sogenannte "Russenlager" in Königsbrück bei Dresden – eines von zwölf Lagern für sowjetische Kriegsgefangene in Deutschland, wo Zehntausende unter katastrophalen Bedingungen festgehalten wurden und starben.

Filme der "Stuttgarter Kriegschronik":
Im Stadtarchiv Stuttgart lagert ein umfangreicher Filmbestand mit seltenen Aufnahmen, die das Kriegsgeschehen in der Region darstellen. Darunter befinden sich auch bewegende Bilder der Juden-Deportation im Dezember 1941. Filmwissenschaftler Tobias Ebbrecht-Hartmann von der Jerusalemer Hebrew University hat diese einzigartigen Dokumente, die jetzt in höchster Auflösung vorliegen, analysiert. "Diese Filme sind ein wichtiges Dokument, die Menschen zu identifizieren, die später dem Holocaust zum Opfer fielen", sagt Ebbrecht-Hartmann. So liefern Namensschilder auf Koffern Hinweise auf die Besitzer, etwa auf die fünfjährige Ruth Sara Lax. Sie wird aus Stuttgart deportiert und bei einer Massenerschießung in einem Wald bei Riga ermordet.

Reinhard Wiener:
Der Amateurfilmer Reinhard Wiener ist in Schlesien geboren und hat als Soldat der Marine auch im Kriegseinsatz immer eine Kamera dabei. Auf dem Schlachtschiff "Gneisenau" filmt er im Juni 1940 die Versenkung des britischen Schlachtkreuzers "Glorious". Im August 1941 wird er im lettischen Libau Zeuge eines Massenmordes und hält die grausame Szenerie mit seiner Kamera fest: Mitglieder der Einsatzgruppe A und lettische Kollaborateure erschießen in den Dünen Juden.

Dr. Hanns Krach:
Der promovierte Verleger aus Mainz filmt einen tiefen Krater, den eine Bombe der britischen Royal Air Force direkt vor seiner Haustür hinterlassen hat. Nach dem ersten Großangriff auf Mainz am 12. August 1942 macht sich Hanns Krach auf den Weg in die Stadt und dokumentiert mit der Kamera – verbotenerweise – die verheerenden Zerstörungen.

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Erinnerungen an die NS-Zeit in Original-Farbfilmen

Unsere Erinnerung an den Nationalsozialismus ist überwiegend geprägt von den Filmaufnahmen der NS-Propaganda in schwarz-weiß. Als aber 1936 der Farbfilm auf den Markt kommt, nutzten viele Amateurfilmer die Gelegenheit, ihre nächste Umgebung, ihr privates und das öffentliche Leben, in Farbe zu filmen. Diese seltenen Filmaufnahmen sind eine Quelle von einmaligem Wert.

Für die Dokumentation "Wir im Krieg" wurden die teils über 80 Jahre alten Aufnahmen eigens noch einmal neu in 2K-Auflösung abgetastet und aufwendig bearbeitet. "Es ist für uns etwas Besonderes, den Nationalsozialismus in Farbe zu sehen, verbunden mit der Wahrnehmung, dass es sich um ganz persönliche Einblicke handelt", erklärt der Historiker Prof. Dietmar Süß. "Wir kommen der NS-Zeit so näher, verstehen besser, wie sie wirklich gewesen ist. Das ist verführerisch, weil unsere Erinnerung an diese Jahre vor allem auf Schwarzweiß-Bildern beruht, vor allem auf den Propagandabildern des Dritten Reichs selber, und jetzt kommt mit diesen Farbaufnahmen eine weitere Ebene hinzu."

Prof. Isabel Heinemann meint: "Generell schafft der Farbfilm, auch durch die digitale Aufbereitung, eine weitaus größere Nähe, als wir es bislang erlebt haben. Weil diese Zeit nicht mehr so weit weg scheint, sondern wir uns fragen können: Was hätten wir gemacht? Hätte es bei uns zu Hause keinen Hitler-Gruß gegeben?"  

– Änderungen und Ergänzungen vorbehalten –
 

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Quelle:
ZDF – Zweites Deutsches Fernsehen
Presse Special – August 2019
Copyrights by ZDF
Internet: www.zdf.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 3. August 2019

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