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INTERVIEW/004: Andy Wilson (AMM) - Klassenkampf, Parteiräson und Dissidenz (SB)


Interview mit Andy Wilson in Hamburg-St. Pauli am 3. November 2011


Andy Wilson ist Mitglied der Association of Musical Marxists (AMM) und gehörte lange Jahre der Socialist Workers Party (SWP) an, die er nach wie vor als seine politische Heimat versteht. Der anregende und unterhaltsame Abend mit den AMM-Aktivisten [1] in einer Seemannskneipe nahe der Reeperbahn ließ noch genügend Raum für ein ausführliches Gespräch, in dem angerissene Fragen zu politischen und kulturellen Positionen der revolutionären britischen Linken ausgeführt und erweitert werden konnten.

Andy Wilson  - Foto: © 2011 by Schattenblick

Andy Wilson
Foto: © 2011 by Schattenblick
Schattenblick: Andy, könntest du etwas über deinen Werdegang als politischer Aktivist berichten?

Andy Wilson: Ich war Matrose in der Royal Navy und sehr engagiert in antirassistischer und antifaschistischer Arbeit, auch weil meine Familie in der Anti-Nazi League aktiv war. Aber schließlich wurde ich wegen meiner antifaschistischen Aktivitäten aus der Königlichen Marine hinausgeworfen. Ich hatte Matrosen dazu gebracht, antirassistische Konzerte zu besuchen und sich für den Antifaschismus einzusetzen. Das geschah während des Falklandkrieges, gegen den ich mich zwar ausgesprochen hatte, ohne jedoch besondere Aktionen zu unternehmen. Man unterzog mich einer Sicherheitsüberprüfung, und nachdem ich dort erklärte, nicht in diesem Krieg kämpfen zu wollen, wurde ich hinausgeworfen.

Kurz darauf wurde ich Mitglied der Socialist Workers Party (SWP). Sie war damals die größte trotzkistische Organisation Britanniens, größer auch als der trotzkistische Flügel der Labour Party namens Militant. Ich arbeitete für die SWP als Organiser in Liverpool, war jedoch nicht nur Aktivist, sondern auch sehr interessiert an Theoriebildung. Ich engagierte mich in einer Reihe theoretischer Debatten in der SWP über die Bedeutung des Klassenbewußtseins und der politischen Führung. Darüber geriet ich in Konflikt mit der Parteispitze, was schließlich dazu führte, daß ich aus der SWP ausgeschlossen wurde.

Mein damaliger Eindruck war, daß sich die SWP immer stärker zu einer hierarischen bürokratischen Organisation entwickelte. Nicht, daß das die ganze Partei betraf, aber die Politik der Führung nahm zusehends bürokratische Züge an. Darum drehte sich dieser Konflikt. In den frühen 1990er Jahren gab ich ein Kulturmagazin heraus, an dem sich SWP-Genossen, aber auch Personen außerhalb der Partei beteiligten. Als Vorwand zu meinem Ausschluß, der etwa 1993 erfolgte, wurde der Vorwurf einer Abspaltungstendenz erhoben.

SB: Wie bist du auf die Forderung gekommen, kulturellen Belangen eine größere Rolle in der Parteiarbeit zuzumessen?

AW: Das geschah fast von selbst. Wir diskutierten über Klassenfragen und Georg Lukács fast wie Philosophen, doch ich war schon vor meiner Zeit als politischer Aktivist künstlerisch auf dem Feld elektronischer Musik tätig. Musik war immer sehr wichtig für mich, doch ich brachte sie nicht wirklich mit Politik in Verbindung, weil es sich um ein persönliches Interesse handelte. In der SWP herrschten jedoch fürchterliche Ansichten über Kultur vor. So vertrat die Führung, daß die Arbeiterklasse sich die Kultur der Bourgeoisie aneignen sollte. Es wäre wichtig, daß Arbeiter sich der Hochkultur zuwendeten, etwa Ludwig van Beethoven oder Honoré de Balzac. Als passionierter Musiker gelangte ich zu der Auffassung, daß die SWP zwar über einige der besten Aktivistinnen und Aktivisten Britanniens etwa im Bereich der Gewerkschaften verfügte, aber die Unentschiedenheit in Sachen Kultur der Partei eher schadete. Zwar waren die Genossinnen und Genossen in Diskussionen über Klassenfragen überaus versiert, aber auf dem Gebiet der Kultur merkte ich, daß ich ihnen neue Horizonte eröffnen konnte. Bei der Frage revolutionärer Kultur ging es nicht darum, wer nun richtig oder falsch lag, sondern daß überhaupt darüber debattiert wurde. In diesem Bereich hatte die Parteiführung das Nachsehen, weil sie die dort entstehenden Diskussionen ideologisch nicht auf Linie bringen konnte. Ich sprach die Subjektivität der Genossinnen und Genossen an und brachte sie dazu, über ihre Position als Mensch, Marxist und Revolutionär nachzudenken und politische Schlußfolgerungen daraus zu ziehen.

SB: Welche Art von Gegenkultur oder nicht-bourgeoiser Kultur hattest du damals im Sinn?

AW: Es ging nicht darum, eine bestimmte Form von Kultur oder Gegenkultur zu empfehlen. Im Socialist Worker, dem Parteiorgan der SWP, erschien damals ein Artikel über Madonna, in dem sie aufgrund der Kontrolle, die sie über ihre Vermarktung ausübte, als emanzipatorisches Vorbild für Frauen verteidigt wurde. Dieser eher profane Artikel war für mich Anlaß zu einer intensiven Debatte mit dem Zweck, sich darüber klar zu werden, wie man mit der Alltagskultur, ihrer kapitalistischen Form und ihrem Einfluß auf unsere Existenz umgeht. Für mich war es erfrischend, völlig unabhängig von langweiligen Belehrungen über die Parteidoktrin direkte Gespräche mit Genossinnen und Genossen zu führen, auch wenn ich nicht mit ihnen übereinstimmen sollte.

SB: Meinst du nicht, daß subjektive Gefühle gerade auch im Bereich der Popkultur stark von den kommerziellen Bedingungen der Musik- und Werbeindustrie beeinflußt sind?

AW: Natürlich! Die Popkultur wird von der Kulturindustrie dominiert. Ich bin in der Punkszene großgeworden. Punkrock war für die Anti-Nazi League von zentraler Bedeutung. Seine Kommerzialisierung ist ein gutes Beispiel dafür, wie die kapitalistische Klasse uns unserer Kultur beraubt. In seinen Ursprüngen war Punkrock eine Bewegung derjenigen, die diese Musik machten. Es war eine große Befreiung. Wenn man sich vor dem Beginn der Punkbewegung für Rockmusik interessierte, hatte man es mit dem Spektakel des Progressive Rock zu tun, der Demonstration des Könnens und der Virtualität der großen Acts. Als Punkrock begann, merkte ich zum ersten Mal, daß es etwas in der populären Kultur gab, das wie ich war, worin ich mich wiedererkennen konnte, eine Stimme der Arbeiterklasse. Natürlich unternahm die Kulturindustrie alle Anstrengungen, um sich dieser Entwicklung zu bemächtigen, und sie war schließlich erfolgreich damit.

Aber das ist nur ein Beispiel. Überall in der Musik, wo auch immer sie herstammt, gibt es große Künstler, die den Gebrauchswert der Musik universell machen. So war John Coltranes Musik ein Versuch, die Widersprüche zwischen verschiedenen Genres dialektisch zu überwinden und eine universelle Form der Musik zu schaffen. Das findet allerdings innerhalb der Musikindustrie statt. Wenn wir also über Kultur sprechen, sprechen wir immer auch über Kapital und Arbeit, über die Kulturindustrie und die Bourgeoisie, über Klassenbewußtsein, Bewußtsein und den eigenen Standpunkt in der Welt. Die Kulturgeschichte ist die Geschichte des Kampfes schöpferischer Menschen um die Hervorbringung ihrer Kunst. In ihr geht es nicht nur um den künstlerischen Ausdruck, sondern auch die Erschaffung von Sprachen und Artikulationsweisen, in denen sich der Kampf um die Welt manifestiert.

SB: Eine große Stärke des Kapitalismus liegt darin, daß er antagonistische Entwicklungen vereinnahmt. Wo siehst du die Möglichkeiten für die Musikkultur und die Künste insgesamt, dazu eine unvereinnahmbare Gegenposition zu beziehen?

AW: Menschen bewegen sich von vornherein in Widersprüchen. Ich denke, Punkrock hat mich zum Revolutionär gemacht, weil die eigene Stimme, die ich darin entdeckte, eine Schlüsselfunktion hatte. Große Musiker kämpfen immer gegen die Vereinnahmung ihrer Musik und deren Reduzierung auf einen Stil. Ich denke, daß es unsere Aufgabe ist, die Verbindung zwischen den Produktionsbedingungen, unter denen Kunst entsteht, und dem antikapitalistische Kampf herzustellen, der künstlerischem Schaffen ohnehin inhärent ist. Kapitalismus macht im Kern alles gleich, er ebnet Unterschiede ein, um alles gegeneinander austauschbar zu machen. Wer tatsächlich um eine persönliche Form der Artikulation ringt, muß dagegen kämpfen. Wer ein großer Künstler werden will, muß auf gewisse Weise antikapitalistisch vorgehen, selbst wenn er ideologisch prokapitalistisch eingestellt ist. Wenn Kapitalismus zur Folge hat, immer wieder dieselbe Platte zu machen, weil man sie demselben Publikum verkaufen will, hat er den Künstler unterworfen. Wenn dieser versucht, seine Musik weiterzuentwickeln, ist er bereits im Konflikt mit dem Kapitalismus als Produzenten.

SB: Nicht viele Musiker scheinen zu versuchen, die durch diese Produktionsbedingung gesetzte Grenze zu überwinden.

AW: Es trifft wohl zu, daß wir nicht frei von diesen Bedingungen sein werden, bis wir den Kapitalismus beseitigt haben, aber es ist ein permanenter Kampf. Was ich nicht für akzeptabel halte ist die Idee, daß der Kapitalismus immer siegen wird, weil er es bisher getan hat. Es gibt immer Nischen des Widerstands, und zur Zeit entwickelt sich eine große antikapitalistische Bewegung. Es ist nicht nur eine moralische Verpflichtung, sich gegen dieses System zu stellen. In der künstlerischen Praxis kämpft man immer gegen den Kapitalismus, indem man versucht, die Reduktion der eigenen Arbeit auf eine bloße Ware zu verhindern. Ich meine nicht die Art und Weise, wie sie verkauft wird, ich meine die Musik selbst.

John Coltrane ist ein gutes Beispiel. "My Favourite Things" war ein kontroverses Stück. Er hätte es so lange verändern können, bis es populär geworden wäre und viele Platten verkauft hätte. Aber er hat immer darum gekämpft, den Umgang mit seinem Instrument, dem Saxophon, zu verbessern und seinen musikalischen Horizont zu erweitern.

SB: John Coltrane war kein Musiker, der die Massen mobilisierte.

AW: Nein, nicht wirklich. Es war auch nicht seine Aufgabe, denn er war nicht Lenin. Genau genommen werden vermutlich Millionen Alben von John Coltrane verkauft, insbesondere die in Zusammenarbeit mit Miles Davis entstandenen Platten. Tatsächlich erinnert mich seine Musik, wenn ich mir den späten Coltrane etwa auf "Live in Seattle" anhöre, stark an Punkrock, und das war eine populäre Bewegung. Wir müssen die Vorstellung hinter uns lassen, daß es einerseits um Brot und Spiele für die Massen und andererseits um die interessanteren Dinge für die Eliten geht. Ich stamme aus der Arbeiterklasse, und es hat lange gedauert, bis ich John Coltrane entdeckt und zu schätzen gelernt habe. Aber ich habe es getan, und warum sollten es andere nicht auch tun.

SB: Was denkst du über junge Menschen, die sich für globale Popprodukte wie Lady Gaga begeistern oder einen HipHop glorifizieren, dessen Werte alles andere als emanzipatorisch sind?

AW: Mich interessiert, warum sie Lady Gaga mögen. Ich sehe in ihr eine Art David Bowie. Als ich 13 oder 14 Jahre alt war, war ich ein David-Bowie-Fan. Ich war sogar im David-Bowie-Fanclub, was ich heute allerdings bedauere. Mich interessiert, wie Menschen diese Widersprüche überwinden können. Was immer man von Lady Gaga, einem Massenprodukt der Kulturindustrie, halten mag, die Frage ist doch, ob die Kids anfangen, sich zu fragen, warum sie Lady Gaga mögen. Wenn sie andere Dinge erleben, werden sie sich darüber hinaus entwickeln und ihre Widersprüche Schritt für Schritt bewältigen. Ich bin mir nicht wirklich klar darüber, warum Jugendliche Lady Gaga anhören, und gerade deshalb finde ich diese Frage sehr interessant.

Während der Veranstaltung - Foto: © 2011 by Schattenblick

Hitzige Debatte - Keith Fisher, Ben Watson, Andy Wilson
Foto: © 2011 by Schattenblick
SB: Die Jugendlichen, von denen die Riots im Sommer ausgingen, schienen weitgehend in die Konformität der herrschenden Popkultur eingebunden zu sein. Woher, meinst du, kam dieser plötzliche antagonistische Impuls?

AW: Es ist vergleichbar damit, daß Arbeiter, die eigentlich reformistisch denken, den Kampf aufnehmen. Ich bin kein Reformist, sondern Revolutionär, aber ich verstehe, daß Reformisten nicht aus ihrem Selbstverständnis heraus zu kämpfen beginnen, sondern weil sie angegriffen werden oder negativen Entwicklungen ausgesetzt sind. Werden sie dann mit neuen Vorstellungen konfrontiert, die in ihrer Situation mehr Sinn machen, dann verändern sie ihre Einstellung womöglich. Ich glaube nicht, daß eine bessere Kultur die Kids dazu brächte, eher oder entschiedener zu revoltieren. Aber ich würde mit ihnen über ihre kulturellen Vorlieben sprechen, um zu erfahren, wie sie denken und was diese Kämpfe mit mir zu tun haben.

SB: Meinst du, daß diese vor allem spontan ausgebrochenen Riots Gedanken bei den Jugendlichen anstoßen werden, die ein Bewußtsein über ihre gesellschaftliche Situation schaffen und in eine organisierte Bewegung münden könnten?

AW: Das wird sicherlich bei einigen der Fall sein, die verhaftet werden oder auf andere Weise mit der Staatsgewalt zu tun bekommen. Es wird Kampagnen zu ihrer Verteidigung geben. Die Riots selbst waren wie eine Explosion. Es war etwa so, als hätte man den Deckel über London gelüftet. Ich lebe in Hackney einige Straßen entfernt von einer großen Arbeitersiedlung. Als es losging, war ich gerade in einem Pub. Ich hatte das erste Mal seit Jahren wieder das Gefühl, die Wirklichkeit Londons zu erleben.

In den Riots konnte man das Ergebnis von mehr als 20 Jahren sozialdemokratischer Politik und der anschließenden Amtszeit der Tory Party erkennen. Es drückt sich in der Ghettoisierung ganzer Stadtteile sowie dem systematischen Abschreiben ganzer Schichten der britischen Gesellschaft aus, die bereits unter hoher Arbeitslosigkeit und mangelnden Ausbildungsmöglichkeiten leiden. Die Menschen werden zur Unterschicht degradiert und bleiben in ihren Vierteln sich selbst überlassen. Das ging lange Jahre gut, doch mit dem Anwachsen des ökonomischen Drucks kam es plötzlich zur Explosion. Wenn man sich auf einer Karte Londons anschaut, wo die Riots ausbrachen, dann sieht man, daß es sich meist um die ärmsten Regionen Londons handelte. Es waren keine Folgen der Gangkultur, sondern innerstädtische Aufstände der ärmsten, am meisten ausgeschlossenen Gruppen der Gesellschaft mitten im Herzen der britischen Hauptstadt.

Es war, als habe jemand alle Lichter angemacht, so daß man plötzlich die Widersprüche im Zentrum des britischen Kapitalismus erkennen konnte. Die Krise enthüllt sich in der Praxis und nicht dadurch, daß die revoltierende Jugend über ein antikapitalistisches Bewußtsein verfügt. Sie ist Produkt des Kapitalismus, und diese Praxis wird nicht über sich hinausgehen, indem es zu immer mehr und immer größeren Riots kommt. Einige der jugendlichen Protestler sind im College und gehören der Studentenbewegung an, die sich in den letzten Jahren gebildet hat. Diese verbündet sich zusehends mit der Arbeiterbewegung, die etwa mit den Streiks im öffentlichen Dienst allmählich wieder auflebt. Wir hoffen, daß all diese Entwicklungen zusammengehen und dabei neue Ideen über Organisation und Militanz entstehen. Was die jugendlichen Protestler, die von der Polizei aufgegriffen wurden, betrifft, so geht es jetzt vor allem darum, sie zu verteidigen. Im weiteren Verlauf werden die Entwicklungen, die den Riots zugrundelagen, auch die Proteste im öffentlichen Dienst, der Pensionäre und Studenten befeuern.

In meinem Leben als Kommunist hat sich etwas ähnliches zum letzten Mal bei den großen Bergarbeiterstreiks Ende der 1980er Jahre zugetragen. Nach der Navy habe ich ein Studium an der Universität aufgenommen. Meine Familie besteht schon seit Generationen aus Bergarbeitern. Obwohl Margaret Thatcher durch den Sieg über die Bergarbeiter praktisch das Rückgrat der britischen Arbeiterklasse gebrochen hat und allgemein ein Gefühl der Niederlage vorherrschte, begannen die verschiedenen Teile der Arbeiterbewegung schon damals damit, sich in neuen Bündnissen zu reorganisieren. Die herrschende Klasse hat die Auseinandersetzung mit großem institutionellen und finanziellen Aufwand betrieben, weil sie wußte, daß die Bergarbeiter das Herz der britischen Arbeiterklasse sind. So hat Thatcher die Strategie verfolgt, den Stahlarbeitern Zugeständnisse zu machen und Kohlelager anzulegen, um die Bergarbeiter zu isolieren.

Nun haben die Herrschenden keinen Manövrierraum mehr. Die heutige ConDem-Regierung greift die Studenten, den öffentlichen Dienst und alle anderen auf einmal an. Auf der einen Seite hat sie keine Optionen, weil sie über keine Ressourcen für derartige Spaltungsstrategien mehr verfügt, auf der anderen Seite hat sie keine Erfahrung im Umgang mit sozialen Konflikten. Es ist eine neue Generation von Tory-Abschaum. Wir stehen am Beginn eines umfassenden Angriffs auf die Arbeiterklasse, und schon in diesem anfänglichen Stadium erleben wir die größten innerstädtischen Riots und die größte studentische Protestbewegung seit den frühen 1980er Jahren. Damals wollten die Tories Studiengebühren einführen, aber wir stoppten sie, indem wir mit großen Demonstrationszügen drei oder vier Brücken über die Themse blockierten und die Londoner City zum Stillstand brachten. Es war eine sehr große Studentenbewegung. In den folgenden 20 Jahren hat es nichts Vergleichbares gegeben.

Vor anderthalb Jahren habe ich eine Veranstaltung über die Krise abgehalten und über meine Erfahrungen als Studentenaktivist berichtet. Anschließend sind einige Studenten aus dem Publikum auf mich zugekommen und haben gefragt, wie man eine Besetzung organisiert und wann man zu einem solchen Mittel greifen sollte. Sie fragten mich nach den technischen Details einer solchen Aktion. Sie wußten nichts darüber, weil sie, wie sie mir erklärten, keine Tradition des Protestes mehr hätten. Einige Monate später gab es überall im Land Besetzungen ohne diese Tradition und ohne die Kontinuität kommunistischer Militanz unter Studenten. Sie haben diese Tradition wieder aufleben lassen.

SB: Wer gehört für dich zur Arbeiterklasse? Meinst du nur Lohnabhängige oder auch Erwerbslose und Versorgungsbedürftige?

AW: Mein Begriff von Arbeiterklasse bezieht sich auf die Menschen, die das Problem lösen können. Das umfaßt weit mehr Menschen, als traditionell zur Arbeiterklasse gezählt werden. Wie ich schon gesagt habe, komme ich aus einer Bergarbeiterfamilie. In der kleinen Stadt, in der ich aufgewachsen bin, gab es drei Kohlegruben. Seit der Niederschlagung der Bergarbeiterstreiks weisen die Städte in dieser Region einen sehr hohen Prozentsatz an Langzeiterwerbslosen auf, inklusive allem, was damit einhergeht wie etwa Drogenmißbrauch. Wir gehen davon aus, daß diese Menschen sich wieder erheben werden. Das Problem der Riots in den Innenstädten besteht darin, daß die Jugendlichen nur reagieren, aber das Problem nicht lösen können. Die einzigen, die das in Britannien wirklich schaffen, sind organisierte Arbeiter. Mit ihren Streiks stellen sie die Machtfrage. Du kannst eine Regierung mit Streiks in die Knie zwingen. In den Riots greifen Menschen aus purer Verzweiflung örtliche Läden an, aber die Ladeninhaber stehen vielleicht auf der sozialen Leiter nur eine Stufe höher als die völlig Ohnmächtigen.

Die Regierung hofft, daß sie damit durchkommt, die Polizeikräfte zu verstärken, härtere Gesetze zu verabschieden und drakonische Strafen zu verhängen. Das wird sie sicherlich versuchen, um die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Aber die Menschen, die dagegen etwas unternehmen können, befinden sich in der organisierten Arbeiterbewegung. Ich bin auf jeden Fall der Ansicht, daß all diejenigen, die von der kapitalistischen Gesellschaft unterdrückt werden, auf der Seite der organisierten Arbeiterbewegung stehen sollten.

SB: Welche Rolle wollt ihr als AMM dabei spielen und welche Bedeutung hat der Begriff der Subjektivität in dieser Entwicklung?

AW: Was wir nicht wollen, ist, etwas ähnliches wie die alte Kommunistische Partei wiederzuerrichten, in der die Arbeiterbewegung als eine Art Armee fungiert, die von ihren Führern mobilisiert wird, um Forderungen durchzusetzen. Ich habe in langen Diskussionen festgestellt, daß niemand genau weiß, was unter revolutionärem Bewußtsein zu verstehen ist. Einige Genossinnen und Genossen sind der Ansicht, daß das richtige Bewußtsein darin besteht, mit der Parteilinie übereinzustimmen und ihrer Doktrin gemäß zu handeln, um den bourgeoisen Staat zu stürzen. Für mich schließt revolutionäres Bewußtsein viel mehr ein. Als Marx über revolutionäres Bewußtsein sprach, meinte er damit nicht die Befolgung des Parteiprogramms, auch wenn dies dazugehören und die Festschreibung eines Programms ein wichtiges Element der Entwicklung revolutionären Bewußtseins sein kann. Letzten Endes sprechen wir darüber, daß die Menschen auf fundamentale Art und Weise die Fähigkeit wiedererlangen, Selbstvertrauen zu entwickeln, zu sprechen, zu kämpfen und dabei zu realisieren, daß sie die Gesellschaft kontrollieren können. Das beinhaltet Fragen der Subjektivität und nicht nur das Abgeben eines Wahlzettels oder den Beitritt zu einer klassenkämpferischen Partei. Es geht darum, über die eigene Anteilnahme an diesen Dingen, über die eigene Verantwortung als Revolutionär nachzudenken.

SB: Fürchtet ihr nicht, dabei eine Individuation nach Art der postmodernen Ideologie zu fördern, wo es am Ende "Anything goes" heißt?

AW: Ich sehe die Gefahr, daß man so über uns denkt. Aber in dem, was wir tun, ist diese Gefahr nicht begründet. Wenn wir über Subjektivität sprechen, dann meinen wir die Subjektivität menschlicher Wesen, die auf physische und soziale Weise die Arbeiterschaft verkörpern. In der bourgeoisen Kultur ist es nicht erlaubt, über die tiefsten subjektiven Erfahrungen zu sprechen, weil sie furchterregend sein könnten. Die bourgeoise Kultur schließt sie aus. Nichtsdestotrotz ist diese tiefste Subjektivität das, was wir mit allen anderen gemeinsam haben. Indem wir über Subjektivität sprechen, versuchen wir hervorzubringen, daß wir über eine objektive Gemeinsamkeit verfügen.

Wir haben in unserem Vortrag heute abend über Musik als eine Form der Psychoanalyse gesprochen. Psychoanalyse ist eine sehr diffizile Angelegenheit. Man kann seine Freunde nicht analysieren, weil das ein Affront ist. Wir wollen eine Situation schaffen, in der jeder damit beginnen kann, die eigenen subjektiven Überzeugungen auf politische Weise zu entwickeln. Wir meinen, die Logik dieses Prozesses ist militant und revolutionär, nicht privat und nur subjektiv. Für uns gibt es keine bloße Subjektivität. In den tiefsten Abgründen der Menschen haben wir alle etwas miteinander gemein, und das ist ausgesprochen objektiv.

Einer der Gründe, warum ich ein sehr engagiertes Mitglied der SWP wurde, war ein Erlebnis bei einem Treffen der Studentenunion. Dort hielt ein Student, der aus einer reichen Familie kam und mit 20 Jahren schon Millionär war, eine wirklich dämliche Rede. Einer der führenden SWP-Aktivisten fragte mich, warum ich nicht aufstehe und eine Gegenrede halte. Ich entgegnete ihm, daß ich kein Selbstvertrauen hätte und befürchtete, vor all diesen Leuten nur dumm dazustehen. Der SWP-Genosse meinte, daß es doch darum ginge, ob das, was ich zu sagen hätte, wichtig sei oder nicht. Der Arbeiterklasse wird eingetrichtert, daß alles, was sie zu sagen hat, irrelevant ist, während dieser Millionär von Geburt an glaubt, daß alles, was er sagt, überaus wichtig ist. Der Genosse forderte mich auf zu sprechen, nicht weil ich an mich glaube, sondern aus der inneren Haltung heraus, daß ich etwas wichtiges zu sagen habe. Aus diesem Grund wurde ich SWP-Mitglied. Als sie mich ausschlossen, begründeten sie dies damit, daß ich Streit in die Partei getragen hätte und loyaler hätte sein sollen.

Meiner Ansicht nach besteht mein Beitrag, den ich bei der SWP oder jeder anderen kommunistischen Organisation einbringen kann, darin, Überlegungen zur herrschenden Situation und ihrer Veränderung anzustellen. Dein besonderer Standpunkt ist der größte Beitrag, den du für eine Organisation leisten kannst. Nicht mit allen anderen Aktivistinnen und Aktivisten übereinzustimmen und Teil einer Masse zu sein, sondern an seiner Entwicklung als Kommunist zu arbeiten, auch wenn die Bürokraten dich dafür kritisieren, daß du aus der Reihe tanzst. Wenn wir uns nicht alle auf diese Weise engagieren, wie sollte man dann eine revolutionäre Partei aufbauen? Eine revolutionäre Partei ist ein Versuch, die Klassenerfahrung zu generalisieren und etwas zu schaffen, was darüber hinausgeht. Wenn man diese Erfahrungen nicht einbringt, dann hat man nichts anderes beizutragen als etwa den Verkauf der Parteizeitung. In dem Moment, in dem du deine Kritik artikulierst, wird dir gesagt, daß das nur deine subjektive Meinung sei. Aber eine revolutionäre Partei besteht aus solchen Meinungen und aus der Zusammenkunft der Aktivistinnen und Aktivisten.

Das Wort Subjektivität ist überfrachtet, denn in unserer Gesellschaft meint es deine private Einstellung. In der Konsumgesellschaft ist der Verbraucher König, und wir können alle die Kleidung kaufen, die unsere Persönlichkeit ausdrückt. Aber wir tragen doch alle dieselben blöden Klamotten, und es gibt ohnehin nur zehn große Ladenketten. Dementsprechend wirst du als Aktivist für deinen subjektiven Beitrag kritisiert, aber es ist deine Pflicht, die eigene Situation zu verstehen, indem du sie als Marxist analysierst und zurück ins Kollektiv bringst.

Aus dem Englischen durch Redaktion Schattenblick


Fußnote:

[1] http://www.schattenblick.de/infopool/musik/report/murb0003.html

Fred's Schlemmer Eck am Hamburger Berg 10 - Foto: © 2011 by Schattenblick

Wo St. Pauli noch nicht vollends gentrifiziert ist ...
Foto: © 2011 by Schattenblick

17. November 2011