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INTERVIEW/015: Gutzeit, Körner, Gossenhauer - Nicht mit uns (SB)


Interview mit Peter Gutzeit und Dieter Rentzsch von der Gruppe Gutzeit am 8. Dezember 2012 in Hamburg


Im Gespräch - Foto: © 2012 by Schattenblick

Dieter Rentzsch, Peter Gutzeit
Foto: © 2012 by Schattenblick

An Anlässen zu widerständiger Musik in Zeiten der sozialen Kälte und konkurrenzgetriebenen Siegerlogik mangelt es nicht, an Musikern, die ihre Stimme gegen die Zumutungen und Verächtlichkeiten erheben, die überflüssig gemachte, als Verlierer abgestempelte Menschen zu erleiden haben, um so mehr. Eine Ausnahme von der die Unterhaltungsindustrie bestimmenden Regel, nicht anzuecken und mit bloßer Gefälligkeit zu punkten, macht die Hamburger Gruppe Gutzeit. Die Combo um Gitarrist und Sänger Peter Gutzeit, der schon in den 70er Jahren mit Peter, Paul & Barmbek gegen die herrschenden Verhältnisse ansang, macht mit "Spott,- Hetz- und Lästersongs über die abgehobene Oberschicht - für das abgehängte Prekariat" [1] Mut, nicht einfach wegzustecken, was den Herrschenden so selbstverständlicher Ausdruck ihrer Machtausübung ist, daß sie kaum mehr mit wirksamem Protest und Aufbegehren rechnen.

So lassen es sich Peter Gutzeit, Dieter Rentzsch (Akkordeon/Gesang) und Peter Horn (E-Gitarre/Gesang), die den Kern der in verschiedenen Besetzungen auftretenden Gruppe bilden, nicht nehmen, der seit acht Wochen für einen Haustarifvertrag streikenden Belegschaft des Verpackungsherstellers Neupack mit eigens für diesen Zweck geschriebenen Liedern zur Seite zu stehen, sich mit musikalischen und anderen Mitteln bei Protesten gegen hohe Mieten zu engagieren oder die Elbphilharmonie als das bloßzustellen, was sie ist - ein hunderte Millionen an öffentlichen Mitteln, die notwendigen sozialen Zwecken entzogen werden, verschlingendes Vorzeigeprojekt Hamburger Pfeffersackmentalität und Elitenkultur. Gewürzt mit einer gehörigen Prise Ironie und Humor, aber stets solidarisch mit den Schwachen und unbequem für die Starken, repräsentiert die Gruppe Gutzeit eine Liedkultur von unten, die niemanden ausschließt, sich aber ebensowenig andient.

Vor einem Liederabend, den die Gruppe Gutzeit zusammen mit der Oma Körner Band und den Hamburg Gossenhauer in der "Villa im Park" in HH-Eimsbüttel bestritt [2], konnte der Schattenblick Peter Gutzeit und Dieter Rentzsch einige Fragen stellen.

'Villa am Park' in Hamburg-Eimsbüttell - Foto: © 2012 by Schattenblick

Einladend in winterlicher Nacht
Foto: © 2012 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Ihr seid seit 2006 als Gruppe Gutzeit zusammen. Könntet ihr uns etwas über die Geschichte der Band und eure musikalische Vergangenheit erzählen, die ja etwas länger zurückreicht?

Dieter Rentzsch (DR): Peter Gutzeit ist der Namensgeber und auch derjenige, der die Texte schreibt und überwiegend die Musik macht. Er ist der Motor der ganzen Geschichte, die treibende Kraft, würde ich sagen.

Peter Gutzeit (PG): Wir sind hybrid. Er ist der Zweitmotor, deswegen sind wir heute auch so früh hier (lacht). Ich habe in den 70er Jahren als junger Mann Agitprop-Musik, also Skiffle bei der Gruppe Peter, Paul & Barmbek gemacht. Das war eine bekannte Gruppe mit Gewerkschafts- und DKP-Nähe, SDAJ und so weiter. Irgendwann haben wir uns aufgelöst. Ich habe dann geheiratet und nochmal versucht, Rockmusik zu machen. Das war aber alles Asche. Die Frau war meine große Liebe, und was tut man nicht alles für die große Liebe. Man gibt sogar die Musik auf.

Irgendwann ist dann jedoch der Zeitpunkt gekommen, wo ich mich wieder selber freischaufeln mußte. Da habe ich aber noch nicht an Musik gedacht, weil ich nicht so den Sinn darin gesehen habe. Stattdessen habe ich hier in Hamburg zusammen mit einem Kollegen eine Zeitung aufgemacht, ein progressives linkes Umsonst-Stadtmagazin, HH 19, benannt nach der früheren Postleitzahl von Eimsbüttel, das sich nur durch Werbung finanzierte. Das Magazin war sehr erfolgreich und fand auch übergreifend in der gesamten linken Szene großen Zuspruch, von der SPD und Olaf Scholz, der damals noch Anwalt hier in Altona war und für uns geschrieben hat, bis hin zu den Spartakisten und Anarchisten.

Das Projekt ist leider nach ungefähr fünf Jahren mit einem Schuldenberg von 250.000 Mark pleite gegangen, hat aber sehr viel Erfahrung gebracht. Wir haben auch viel mit Hausbesetzungen und Mietgeschichten zu tun gehabt. So hatten wir zum Beispiel die Rubrik: "Dieses Haus steht leer - besetzen". Damit haben wir uns einen dicken Prozeß eingehandelt, nicht der einzige, den unsere kleine Zeitung durchzustehen hatte. Jedenfalls war es ein wunderbares Blatt, aber wenn die wirtschaftliche Flaute zuschlägt, trifft es die Kleinen natürlich zuerst, weil sie kein Polster haben. Wir hatten außerdem den Anspruch, alles kollektiv zu machen, gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, wie auch heute noch.

Im Gespräch - Foto: © 2012 by Schattenblick

Peter Gutzeit
Foto: © 2012 by Schattenblick

Ich war dann also arbeitslos und insolvent, über acht Jahre ging das so. Deshalb habe ich mich überall beworben und dachte doch, das wird nie wieder was. Schließlich bin ich bei der taz Hamburg gelandet und Anzeigenleiter geworden. Zwei Jahre lang habe ich das gemacht. Dann kam die Hartz IV-Geschichte immer näher an mich heran und stand wie ein Bedrohungsszenario hinter mir. Daraufhin habe ich meinen ersten Song geschrieben, der hieß "Hartz-IV muß weg".

Zuvor hatte ich regelmäßig einen Musikclub hier in Eimsbüttel besucht, das war um 2004, 2005 herum. Ich habe immer über die schlechte Qualität der Leute gemeckert, so nach dem Motto: Gebt euch doch ein bißchen mehr Mühe. Und dann hat einer gesagt: Mach das doch erstmal besser, Mensch. Ja, und da habe ich mich mit jemand zusammengetan, der immer zu mir sagte: Du mußt wieder Musik machen, Peter. Wir haben ein paar Lieder eingeübt, unter anderem auch das Hartz-IV-Lied. Aber als wir das gemeinsam in diesem Musikclub spielen wollten, hat der so eine Flatter gekriegt, daß er gar nicht erst gekommen ist. Da bin ich alleine aufgetreten. Und weil gerade Country-Session war und ohnehin viele Musiker da waren, habe ich zu denen gesagt: Leute, kommt doch auf die Bühne, spielt mit. Sie guckten erst ganz komisch, sind dann aber doch hochgekommen und haben mitgespielt. Im Publikum saß eine Freundin, die hinterher zu mir sagte: Peter, das mußt du weitermachen, das ist geniale Musik, das trifft wie die Faust aufs Auge. Ja, und seitdem hatte ich den Vorsatz, wieder Musik zu machen und schließlich eine Gruppe zu gründen. Aber wie gründet man eine Gruppe, wenn man gar nicht mehr so viele Leute kennt? Ich war ja schon so um die 60.

DR: Ich war damals auch auf der Suche nach einer Musikgruppe und hatte eine Annonce im Oxmox aufgegeben. Darauf hat Peter sich dann bei mir gemeldet. Es war reiner Zufall, daß wir 2006 zueinander geraten sind. Wir hätten uns in den 70ern kennenlernen müssen, dann wäre wahrscheinlich eine große Kiste daraus geworden. Jetzt sind wir zu alt. Aber es macht trotzdem Spaß. Ich spiele Akkordeon und singe auch sehr gerne, und das hat sich gut ergänzt.

SB: Wie würdet ihr eure Musikrichtung bezeichnen? In welcher Tradition seht ihr euch?

PG: Das ist die schwierigste Frage.

DR: Social Music, eine Mischung aus Folk, Chanson und Country. Da sind viele Elemente mit drin.

PG: Aber eigentlich ist es Volksmusik. Die Amerikaner nennen ihre Musik einfach Folk oder Country. Wir machen daraus Politmusik. Ich wehre mich immer gegen diesen Begriff. Wenn ich hier über ein Haus singe, ist das nicht politisch, sondern ein Ausdruck meiner eigenen Situation, in der ich mich befinde. Und das ist nicht unbedingt politisch. Oder man bezeichnet alles als politisch. Aber dann hast du natürlich Schwierigkeiten, über den Sender zu kommen. Das Format ist nicht richtig, und dann heißt es: Politische Musik - das geht gar nicht.

SB: Ihr habt eure Musik in einem Interview mit dem "Folker" selber einmal als Armuts- und Unmutscountry bezeichnet und eure Lieder als Spott-, Hohn- und Lästersongs. Dabei habt ihr euch ausdrücklich gegen das politische Lied abgegrenzt. Was macht für euch den Unterschied?

Im Gespräch - Foto: © 2012 by Schattenblick

Dieter Rentzsch
Foto: © 2012 by Schattenblick

DR: Das Augenzwinkern, das mir von Anfang an gefallen hat, daß noch so ein gewisser Humor dabei ist - also nicht anprangern, nicht herunterziehen, die Zustände zwar kenntlich machen, aber mit einem gewissen humorigen Gesichtsausdruck.

SB: Was wäre dann ein politisches Lied?

PG: Agitprop zum Beispiel. Das habe ich früher gemacht. Das sind im Grunde Arbeiterlieder. Wer macht denn heute noch exzellente politische Lieder? Da gibt es nicht so viele. Dieter Süverkrüp hat Politmusik gemacht. Bei Hannes Wader ist das schon wieder grenzwertig. Der macht etwas ähnliches wie wir und versucht, Betroffenheit zu erzeugen und die Hörerinnen und Hörer selber mit der Nase drauf zu stoßen. "Das Haus am Schulterblatt" ist exemplarisch dafür. Ich möchte, daß die Menschen, die unsere Musik hören, sich selber ein Urteil bilden und sagen: Wie kann man die Verhältnisse verändern?

Es ist eine Sauerei, daß so ein Haus bei all der Wohnungsnot leersteht. Wenn hier in Hamburg eine Mieterdemonstration stattfindet, kommen vielleicht 2000 Leute, obwohl 100.000 betroffen sind. Um das anzuprangern, schreibe ich die Lieder auf meine Art, wie Dieter schon sagte, eben ein bißchen augenzwinkernd. In dem Text steckt allerdings auch Betroffenheit drin. Ich nehme das Haus als Emotionsbasis, es ist nicht nur ein Gegenstand. Ein Haus ist für mich auch immer etwas Lebendiges. Da verbringe ich vielleicht mein ganzes Leben drin, das ist fast schon eine persönliche Beziehung. Wenn du aber sagst, mein Haus steht da und da, ist es nicht mein oder dein Haus, sondern es gehört dem Hausbesitzer oder der Hausbesitzerin. Das macht einen Großteil dieser Musik aus. Ich denke, die Zeiten sind im Moment so, daß wir von diesem sozialpartnerschaftlichen Kurs herunterkommen und überhaupt erst ein Bewußtsein für das politische Lied erzeugen müssen.

SB: In dem Interview mit dem Folker habt ihr auch gesagt, ihr wollt kein Degenhardt-Gefühl aufkommen lassen. Was ist damit gemeint?

PG: Daß wir eben nicht diese politische Musik machen wie Degenhardt. Alle seine Texte waren durchzogen von Politik, wir aber haben gar nicht dieses Feingefühl in der Sprache, um so etwas bringen zu können. Degenhardt ist einfach genial gewesen, da kommen wir nicht einmal entfernt heran. Aber wir haben für uns die Möglichkeit geschaffen, daß wir populär und breiter aufgestellt sind.

Wir spielen die Themen, die die Leute hier eigentlich angehen, mit relativ großem Erfolg. Es sind Lieder, die sie nie im Radio hören und im Fernsehen erst recht nicht. Es geht uns darum, sie den Leuten morgens vorm Werkstor näherzubringen und sie damit zu konfrontieren, daß es auch noch etwas anderes gibt als diese alltägliche Dampfdudelei, die sie im Radio serviert bekommen. Wir machen das teilweise in einer Form, die ihren Hörgewohnheiten entspricht, weil es auch meine Hörgewohnheiten sind. Ich habe mich einmal sogar mit einem Song beim Musikantenstadl beworben, weil es da vom Format her reinpaßte. Aber der Text war für die Verantwortlichen dort schon so gefährlich, daß sie uns abgesagt haben.

SB: Wenn ich das höre, sehe ich eigentlich gar nicht den großen Unterschied zu deiner Zeit bei Peter, Paul & Barmbek. Ich meine, was du als Agitprop bezeichnest, war inhaltlich doch ganz ähnlich. Ihr habt letztlich Bewußtsein geschaffen für politische Mißstände und soziale Themen aufgegriffen. Wo würdest du persönlich den Unterschied zu den 70er Jahren ansiedeln?

PG: Es ist ein Unterschied in der Reife. Natürlich sind die Texte heute anders als früher. Als 20jähriger hast du 'Hallo, hau raus den Scheiß' getextet. Ich lese einmal einen exemplarischen Text vor: -Ein Auto ist sehr teuer hier, das weiß ein jeder Mann, drum fahr'n sehr viele Menschen morgens mit der Straßenbahn. Sie fahren nicht aus Spaß und auch nicht, weil es so schön juckt, sondern weil sie eben zu ihrer Arbeit müssen, hin zu ihrem Job.- Das reimt sich vorne und hinten nicht, aber es war eines unserer besten Lieder.

Damit hatten wir die Richtung Agitprop schon vorgegeben. Wir haben auch ein SDAJ-Lied gespielt und hatten ein Lied für die DKP. Das war alles richtig damals. Ich bereue nichts und stehe dazu, weil es meine Entwicklung war. Ich bin ein typischer Angehöriger der Arbeiterklasse. Und ich finde es schön, daß ich nicht, wie so viele meiner Kolleginnen und Kollegen, vor mich hinarbeite und nichts bewegen kann. Die Welt so zu verlassen, wie ich sie vorgefunden habe, das möchte ich nicht. Wenigstens ein bißchen was bewirken.

SB.: Das Lied von dem "Haus am Schulterblatt" klingt etwas wehmütig. Schwingt da vielleicht auch ein wenig Resignation mit insofern, als man die Mißstände zwar benennt, aber gleichzeitig auch weiß, daß man gegen die Machtverhältnisse nicht wirklich etwas ausrichten kann?

DR: Es ist uns klar, daß wir wenig erreichen, wenn überhaupt irgend etwas. Ich habe schon häufiger gehört, daß jemand das Lied sehr schwermütig fand und sich eher gewünscht hätte, daß da mehr Kraft drin ist, um gegenan zu powern.

SB.: Es ist nicht wütend, sondern eher von der Emotion getragen.

DR: Es ist traurig, das stimmt, aber daraus kann sich natürlich auch etwas entwickeln. Das eine schließt das andere nicht aus. Es könnte durchaus sein, daß, wer das Stück hört und erschüttert ist, auf den Gedanken kommt, jetzt erst recht kämpfen zu müssen.

SB.: Aber mit Musik macht man keine Revolution.

DR: Sicher nicht.

PG: Das bestreite ich. Ohne Musik macht man nämlich auch keine Revolution. So sieht das aus.

DR: Ich mache Musik, weil es mir in erster Linie Spaß bringt. Allerdings kann ich, ohne jetzt besonders dogmatisch erscheinen zu wollen, keine reaktionären Texte singen. Das liegt nicht auf meiner Linie. Wir haben mit unseren Liedern schon ein paar Diskussionen angeregt. Das Stück "Bomberpilot Johnny" ist noch erschütternder als "Haus am Schulterblatt", wo es ja nur um ein großes Haus geht. Beim Bomberpiloten geht es um Kinder, die getötet werden. Das ist dann noch einige Nummern heftiger. Das ist auch mir fast zu ernst, da fehlt mir ein bißchen dieses Augenzwinkern und die fröhliche Note. Aber eigentlich haben wir überwiegend lustige Lieder.

SB.: Ihr habt selber einmal gesagt: Etwas Ernstes muß auch Spaß machen. Einmal etwas provokativ gefragt: Warum eigentlich?

DR: Musik muß erst einmal Spaß machen. Und weil wir nicht irgendeine oberflächliche Musik machen, sondern damit auch etwas herüberbringen wollen, kommt es zu dieser Kombination.

SB.: Würde eure Musik sonst nicht angenommen?

PG: Ich bin einfach nicht der Mensch, der trauert, ich bin kein Moll-, sondern ein Dur-Mensch und in Dur mache ich auch überwiegend meine Musik. Ich kann diese Betroffenheitsschiene nicht ab, und ich finde auch nicht, daß das "Haus am Schulterblatt" betroffen macht. Vielmehr ist es eines der schönsten Lieder, die ich je zustande gebracht habe. Es ist vom Text her so schlicht gehalten, daß ich es sogar auswendig lernen kann, und da habe ich heutzutage schon so meine Schwierigkeiten.(lacht) Nein, im Ernst, der Text ergibt eine Logik, die Strophen und die Melodie sind sehr schön. Ich phrasiere da so ein bißchen und habe ein Tremolo mit drin, was ich sonst überhaupt nicht mache. Mit dem Lied wollte ich gerade die Leute ansprechen, die jeden Tag "97, das beste Radio aller Zeiten und dein Sender in Hamburg" hören. Ich finde es schön, wenn man über ernste Themen betroffen singt, aber man kann Ernstes auch lustig präsentieren. Ich habe auch immer diesen Wechsel mit drin. Mal ist das Lied lustig und dann wieder ernst. "Militärmusik" ist zum Beispiel so ein Titel. Wir nehmen den Radetzkymarsch in diesen Song mit hinein, im Hintergrund spielt ein großes Orchester, aber wir singen dazu einen antimilitaristischen Text.

DR: Das finde ich dann auch wieder witzig, wenn sich das so beißt und der Text dem Militärischen entgegengesetzt ist.

PG: Es gab ein paar wütende Briefe auf Youtube. Ihr habt ja keine Ahnung, hieß es da. Ich finde, mit Musik kann man auch etwas verändern. Der Mensch braucht zum Kämpfen auch Musik. Selbst die Sklaven auf den Galeeren haben beim Rudern gesungen, die Seeräuber hatten Lieder, die Arbeiterklasse hat ihre Lieder. Wir waren vorgestern unten in Hessen. Da war ein Borussia-Dortmund-Anhänger, der sagte: Und jetzt ein Arbeiterlied! Und dann hat er die Borussen-Hymne gesungen. Das war ironisch gemeint, er hat schon geschnallt, daß das kulturelle, politische Bewußtsein der Arbeiterklasse verhunzt ist. Es geht dann nur noch um Fußball. Das fand ich schon witzig.

Gruppe Gutzeit im Interview - Foto: © 2012 by Schattenblick

Im Gespräch mit SB-Redakteurin
Foto: © 2012 by Schattenblick

SB: Eure Lieder sind vom Text her im positiven Sinn klar, einfach und mitsingbar. Ist das Erlebnis, zusammen zu singen, vielleicht manchmal sogar stärker als der Text selbst?

PG: Eigentlich nicht. Es muß einen Zusammenhang geben. Wir singen ja eigentlich nur, damit wir das Gesagte besser behalten können. Früher gab es noch keine digitalen Aufzeichnungsgeräte. Deswegen haben die Leute gesungen, um sich die Sachen von Generation zu Generation bis zum heutigen Tag zu erhalten. Das macht Gesang überhaupt aus, daß man versucht, eine bestimmte innere Haltung in einen singbaren Zustand zu bringen, um darüber Gleichgesinnte zu finden, die das auch so meinen. Manchmal denke ich, du kannst doch nicht gegen alles etwas haben. Es gibt auch schöne Sachen hier, aber über die singen die anderen 99 Prozent der Sänger schon, sei es Liebe oder Glück. Und wenn es so viele Geschichten gibt, die hier im argen liegen, dann muß ich eben zu hundert Prozent darüber singen.

Wir haben gerade ein neues Stück geschrieben. Es heißt "Apple-Anton". Als das neue Apple-Telefon auf den Markt gebracht wurde, haben die Leute am Jungfernstieg zwei Tage übernachtet, damit sie in der Schlange ganz vorne sind. So etwas verarsche ich dann auch gerne. Ich bin natürlich kein genialer Texter, das machen andere besser, aber wir versuchen solche Themen mit unseren begrenzten Mitteln aufzugreifen, weil es andere nicht tun. Das ist unser kleiner Vorteil, Texte zu bringen, die anderen überhaupt nicht einfallen würden wie zum Beispiel über Bürgermeister Ole von Beust, der die ganze Hamburger Stadtentwicklung gestaltet hat.

SB: Habt ihr mit der "Recht auf Stadt"-Bewegung, die in Hamburg großen Zulauf hat, etwas zu tun und engagiert ihr euch dafür?

PG: Ja, wir treten manchmal da auf, aber wir haben wenig Kontakte. Das hat einen einfachen Grund: Wir sind zu alt für die Bewegung. Das sind zumeist junge Leute, die Rave-Musik hören. Wir haben schon versucht, uns einzuklinken, aber das ist kläglich gescheitert. Wir kommen mit unserer Musik akustisch gar nicht durch, zumal die vom Band abspielen, weil das lauter aufgedreht werden kann. Und natürlich sind die 20jährigen nicht unbedingt unsere Zielgruppe, obwohl wir sie auch ansprechen, aber unsere Hauptzielgruppe sind Leute in unserem Alter, und die erreichen wir auch. Das ist immerhin die Hälfte der Gesellschaft, das sind Wählerstimmen und Wählerinnenstimmen. Warum soll ich immer auf Junge schielen?

DR: Als wir unten im Westerwald beim Faurecia-Streik waren, haben wir morgens um sechs Uhr angefangen, vorm Werkstor unsere Lieder zu singen. Das war toll, aber nicht ganz einfach. Wir sind um vier Uhr aufgestanden, haben die Anlage unter ganz schweren Bedingungen - Schneefall von oben, Kälte von unten und keine Abdeckung - aufgebaut und insgesamt viereinhalb Stunden gespielt, nicht ununterbrochen, aber wir standen immer bereit.

SB: Ergeben sich bei so einem Event auch Gespräche?

DR: Ja, man ist in einer solchen Streiksituation sozusagen an der Quelle des Übels.

PG: Wir haben mit den streikenden Frauen ganz direkten Kontakt gehabt. Sie haben Strophen getextet, die wir dann gemeinsam gesungen haben. Hier in Stellingen gibt es die Verpackungsfirma Neupack, wo auch gestreikt wird. Wir kennen die Kolleginnen und Kollegen und auch die Gewerkschaftsleute ganz gut. Für sie haben wir ein Lied geschrieben und sie haben dazu Strophen getextet. Ich habe gerade wieder welche hereingekriegt, die muß ich noch einsetzen. Wir sind jetzt ungefähr bei Strophe 25. Da sitzen die Frauen im Streikzelt und dichten. Das finde ich enorm. Man glaubt es nicht, aber sie singen das Lied den ganzen Tag: "Keiner schiebt uns weg, so wie ein Baum beständig steht im Wasser".

DR: "I shall not be moved". Das ist schon sehr beeindruckend.

SB: Ihr nennt eure Lieder Folxlieder, mit einem X darin. Was hat es damit auf sich?

PG: Es hebt uns ab von der Vereinnahmung der Volkslieder durch die Nazis, die sie mißbraucht haben, so daß hier in Deutschland seit 40 oder 50 Jahre kein Volkslied mehr gesungen wird und nur noch Heino die altbackenen Ewiggestrigen ansprechen kann. Neue Volkslieder können so gar nicht erst entstehen. Wir versuchen, das zu durchbrechen, indem wir da ein X hineinstellen.

Ich habe heute schon gesagt, nennen wir unsere Musik doch "politische Musik mit Augenzwinkern". Aber das ist alles nicht griffig genug. Wir wollen uns schon abheben, aber ich denke, wenn wir auf unser Logo einen roten Stern draufsetzen, ist das schon Abgrenzung genug. Dann wissen die Leute Bescheid, daß wir etwas anderes machen als das Gängige. Die Leute, die uns kennen, wissen ohnehin Bescheid. Wir haben ja inzwischen schon eine relativ große Szene.

SB: Die Gewerkschaften gelten heute eigentlich als Sozialmoderatoren und Diener der anderen Seite. Ihr unterstützt sie trotzdem?

PG: Ich bin seit 50 Jahren selber Mitglied der Gewerkschaft, auch heute noch, obwohl ich nicht mehr drin sein müßte, ich bin es aus Prinzip. Denn ich sage mir, das einzige, was die Arbeiterinnen und Arbeiter und natürlich auch alle Angestellten haben - ich verwahre mich gegen den engstirnigen Arbeiterklassenbegriff -, ist ihre Organisation. Ob die gut oder schlecht ist, entscheiden die Menschen selber. Sie entscheiden, wen sie wählen und wen sie nicht oder abwählen. Ein Beispiel: Wir haben das Lied gegen Leiharbeit, das Sklavenlied, bei Airbus vor ungefähr 800 Kolleginnen und Kollegen gespielt, die gegen Leiharbeit demonstriert haben. Die IG Metall war dabei. Es war eine große Veranstaltung. Und wißt ihr, was dann folgte: "Und nun, liebe Kolleginnen und Kollegen, Applaus für unseren Freund Olaf". Dann kam der (damalige) Arbeitsminister Olaf Scholz auf die Bühne, der diese Leiharbeitsgesetze gemacht hat! Die eigenen Leute haben ihn beklatscht, weil er ja in der SPD ist und die ganze Veranstaltung von der SPD organisiert war.

Die Gewerkschaft ist natürlich auch zu 80, 90 Prozent SPD, aber ich muß ehrlich sagen, ich sehe in der SPD nicht meinen Feind. Trotzdem sehe ich das Problem, daß sie Ruhe im Karton haben wollen und deshalb alle möglichen Tarifverträge oder Hartz-IV-Regelungen unterschreiben. Auch die Gewerkschaften haben ja teilweise unterschrieben. Aber die IG Metall hat immerhin in ihren Betriebsvereinbarungen den Passus eingefügt, daß Leiharbeit nicht zum Streikbrechen eingesetzt werden darf. Das ist ein kleiner Fortschritt.

Es gibt noch ein anderes Problem: Die Organisationen, die die Leiharbeiter vermitteln, sind teilweise selber mit den Gewerkschaften verbandelt. Deswegen gab es natürlich einen Riesenärger. Aber ansonsten sehe ich es nicht als meine Aufgabe an, den Gewerkschaften zu erzählen, was sie machen müssen. Ich versuche, meine Position in gesungener Form einzubringen. Das Erstaunliche daran ist, wenn ich das, was ich in den Liedern singe, mit jemandem diskutieren wollte, würde er zu mir sagen: Gutzeit, laß mal gut sein, da bin ich überhaupt nicht deiner Meinung. Singe ich aber das gleiche Thema, dann stampfen die Leute mit den Füßen. Das ist phänomenal.

DR: Die Liedform ist da doch ein bißchen moderater, das wird eher akzeptiert. Die harten Inhalte werden über Musik besser herübergebracht.

PG: Wir hatten noch nie bei der SPD oder der Gewerkschaft Schwierigkeiten, das Hartz-IV-Lied zu spielen, obwohl wir darin Merkel, Rösler, Aigner und Kurt Beck von der SPD direkt angreifen.

SB: Ist das so etwas wie ein kleiner subversiver Faktor?

PG: Ja, und das finden sie im Grunde sogar gut. Für sie ist Hartz IV auch eine Schweinerei. Darüber sind ja ganze SPD-Ortsvereine aus der Partei ausgetreten. Von Heide in Dithmarschen weiß ich das. Dort haben wir einmal zum 1. Mai gespielt.

Die ganzen Debatten um den Mindestlohn sind ja auch dadurch gekommen, daß die Linkspartei frontal von der Seite angegriffen hat. Daß das Thema Rentenalter überhaupt auf dem Tisch landet, ist nur den Kräften zu verdanken, die dagegen angegangen sind. Und wir tragen so ein kleines Stückchen dazu bei. Wenn wir das auf den Straßen oder vorm Einkaufszentrum singen, bleiben völlig unpolitische Leute stehen, legen fünf oder zehn Euro in unseren Hut und sagen: "So etwas haben wir hier in Hamburg noch nie gehört, macht weiter!"

DR: Oder die Sache mit dem Umsonstkauftag. Das finde ich richtig gut. Aber da haben wir auch schon die Erfahrung gemacht, daß manche ein bißchen bedenklich dreinschauen. Das ist natürlich anarchisch.

PG: Natürlich. Das ist der Traum von Anarchie, den wir alle haben. Wir sind alle Anarchisten.

Peter Gutzeit, Dieter Rentzsch - Foto: © 2012 by Schattenblick

Beim Auftritt in der "Villa am Park"
Foto: © 2012 by Schattenblick

SB: Das Video "Gloria" von Joachim Witt über Afghanistan wurde zum Skandal erhoben und die Bundesregierung hat vergeblich versucht, es auf den Index zu setzen, weil darin die Vergewaltigung einer Afghanin durch deutsche Soldaten dargestellt wurde. [3] Da ihr auch ein Afghanistanlied im Repertoire habt, würde mich interessieren, was ihr von diesem Video haltet?

PG: Ich habe das Video gesehen. Die besagte Szene ist ja nur ganz kurz eingeblendet, und dann auch nur als Andeutung. Wenn er das damit gemeint hat, finde ich es gut, daß er es gemacht hat. Jeder kulturelle Beitrag gegen Krieg ist für mich prinzipiell gut, und sei es, daß jemand ein Bild malt.

SB: Euer Lied "CaFée mit Herz" ist Holger Hanisch gewidmet, der sich bis zu seinem Tod in St. Pauli auf eine Weise für Obdachlose eingesetzt hat, die beim Geldsammeln den aufrechten Gang und die Würde des Menschen vor alle karitative Almosenkultur gestellt hat. Was ist aus dem "CaFée mit Herz" geworden?

PG: Das gibt es immer noch, aber unter anderer Führung und leider auch mit einem anderen Konzept. Holger Hanisch hatte wirklich noch gesammelt und das Ganze auch politisch eingesetzt, während die heutige Leiterin versucht, von denen, die für die Wohnungspolitik und die Folgen der Obdachlosigkeit verantwortlich sind, Spenden- und Sponsorengelder zu bekommen. Aber das funktioniert nicht richtig. So als Alibifunktion bekommt sie ein paar tausend Euro und das war es dann.

SB: Ihr singt auf deutsch. Wie ist eure Erfahrung damit? Gibt es Leute aus der Linken oder der jüngeren Linken, die das ablehnen oder habt ihr das Gefühl, daß das Deutsche als Liedsprache, auch verstanden als Aufbegehren gegen die Anglifizierung in der Pop- und Unterhaltungsmusik, akzeptiert wird?

DR: Ich habe noch nie gehört, daß jemand etwas gegen die Sprache gesagt hat. Weil damit Inhalte rübergebracht werden, gibt es da schon eine Akzeptanz. Ich weiß allerdings nicht, ob uns Jugendliche überhaupt hören, viele werden es nicht sein, aber Unmut über die deutsche Sprache habe ich bisher nicht registrieren können.

PG: Ich habe den Vorteil, daß ich gar kein Englisch spreche. Deswegen muß ich meine Texte auf deutsch machen; bleibt mir nichts anderes übrig.

SB: Bei eurer letzten CD hattet ihr eine starke Hinwendung zum Country-Idiom oder zum Americana, wie man das Genre auch nennt. Seht ihr euch in einer bestimmten Tradition?

DR: Bei mir liegt das zum Teil daran, daß ich diese Musik einfach mag und sie zu imitieren versuche, genau wie die Cajon-Musik. Leider habe ich nicht das richtige Akkordeon dazu. Das Americana geht im Grunde in Richtung mexikanischer Musik, das ist das typische Bob Dylan-Element; Bob Dylan spielt gerne mit dem Mexikaner David Hidalgo. Von der Musik her finde ich das einfach Klasse, egal, ob es nun politisch ist oder nicht. Das ist mir dann ziemlich wurscht.

PG: Ich bin selbst mit Country aufgewachsen, bzw. so einer Mischung, die in den 50er Jahren als Rock'n Roll von den Amis rübergekommen ist. Das war meine Kindheit und Jugend. Peter Kraus zählt auch dazu, der das Gleiche auf deutsch gemacht hat, und natürlich Bill Haley. Das war meine Sprache, die ich dann auch sprechen konnte. Wenn du eine Westerngitarre mit Stahlsaiten spielst, dann bleiben dir auch nicht viele Möglichkeiten, etwas anderes zu machen. Du kannst natürlich wie in der Neuen Deutschen Welle drei Minuten lang einen schrägen Moll-Akkord spielen. Das kommt an und ist auch gut, aber wir sind das nicht. Wir müssen authentisch sein.

SB: Sehe ich das richtig, wenn ich euch zuhöre, daß hinter der vermittelbaren Fassade aus Musik und Texten auch noch ein Revolutionär schlummert?

DR: Ja, der schlummert immer. Natürlich gibt es Traumziele, die man erreichen möchte, aber nie erreicht. Da muß man Realist sein.

PG: Natürlich schlägt da etwas. Allerdings bin ich in der Beziehung im Moment am Überwintern. Ich habe keine Perspektive und weiß nicht, was ich wirklich will, ich weiß nur, daß ich eine gerechtere Gesellschaft will, ohne recht zu wissen, wie sie aussehen soll. Ich kann jedoch sagen, daß das, was ich heute hier vorfinde, ungerecht ist, und daß ich deswegen dagegen bin. Jeden Tag sehe ich bei denen, die jetzt für eine bessere Gesellschaftsordnung kämpfen, diese Hierarchien, wo die Basis am Ende gar nichts mehr mitzubestimmen hat. Diesen Ist-Zustand möchte ich verändern. Ich lebe noch zwanzig, höchstens dreißig Jahre und ich möchte jetzt, hier und heute etwas verändern und nicht große Phrasen schwingen und abwarten, wie das Leben nach dem Tode wird.

Aber vor allem möchte ich meine Kinder so erziehen, daß sie Bildungsmöglichkeiten haben und selber kämpfen und für sich einstehen können. Wichtige Fragen sind für mich Krieg und Frieden. Das sind für mich sogar die wichtigsten Fragen, und deswegen habe ich auch immer ernste Texte dazwischen. Frieden kann man schwer mit einem Augenzwinkern vermitteln.

SB: Vielen Dank für das Gespräch.

Fußnoten:
[1] http://www.gruppegutzeit.de/index.php/wir

[2] http://www.schattenblick.de/infopool/musik/report/murb0010.html

[3] http://www.youtube.com/watch?v=eV_vlVDtpE0


20. Dezember 2012