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NACHLESE/041: 50 Jahre später ... Frank Zappa - Hot Rats (SB)



In bin zu einem Musikstil gelangt, der über Schnauben, Rülpsen, dissonante Akkorde und schöne Tonfolgen, Dreiklänge, geradlinige Rhythmen und komplizierte Rhythmen, so ziemlich alles in jeglicher Reihenfolge, verfügt. Diese Ästhetik läßt sich am einfachsten so zusammenzufassen: irgendetwas, jederzeit, an jedem Ort, und zwar völlig grundlos. Mit einer solchen Ästhetik hat man ziemlich viel Freiraum, um kreativ zu sein.
Frank Zappa im Dokumentarfilm Eat that Question [1]

1969 wurden viele Weichen gestellt, so auch für Frank Zappa. Seine Band Mothers of Invention hatte sich in der zweiten Hälfte der Dekade den Ruf erspielt, beißende Gesellschaftskritik mit einer wilden Mischung aus Rock, Jazz, Doo-Wop, Musique concrète und musikalischen Scherzen aller Art zu hinterlegen, alles gekrönt durch Auftritte der Band, die mit Anleihen an dadaistischer Performancekunst nicht geizte. Wenn es einen begnadeten Spötter, der auf jeder Höhe arrivierter Kunstproduktionn mithalten konnte, in der westlichen Popkultur gab, dann war es dieser in klassischer wie Neuer Musik geschulte Komponist, Arrangeur und Multiinstrumentalist. Die Mothers hatten diesen Ruf Zappas mit satirischen Exzessen erspielt, die die Toleranzgrenze des Publikums im angeblich freien Westen einer harten Belastungsprüfung unterzog. Das erweckte fälschlicherweise den Eindruck, Zappa sei ein Parteigänger der radikalen Linken, was er nie war.

Während des offiziellen Endes dieser legendären Ära der Mothers of Invention im August 1969 befand sich Zappa im Studio, um sein erstes, im Oktober des Jahres veröffentlichtes Soloalbum Hot Rats einzuspielen. Er war einer der ersten, die sich der neuen 16-Spur-Technik bedienten, mit der sich die komplexen Arrangements, die fast als sein Markenzeichen gelten können, weit besser als in der vorher üblichen 4- oder 8-Spur-Technik verwirklichen ließen. Zappa war nicht nur musikalisch, sondern auch in Sachen Aufnahmetechnik höchst innovativ.

Der Verächter aller Formen des Drogenkonsums, der der psychedelischen Ästhetik auch sonst wenig abgewinnen konnte, schöpfte tief aus dem Repertoire der sogenanntenn ernsten Musik. Jeder hippiesken Verspieltheit unverdächtig fand er sein Publikum vor allem unter Studierenden und AkademikerInnen, die ihn aufgrund seiner überdrehten Geschichten aus der US-amerikanischen Konsumkultur als Kapitalismuskritiker verkannten, während Zappa sich lediglich ihrer bizarren und skurrilen Erscheinungsformen bediente, um unterhaltsame Geschichten aus Shopping Malls und Werbesendungen zu erzählen.

An der Schwelle der 1960er zu den 1970er Jahren wich der utopische Optimismus der Hippie-Ära in vielen Bereichen der Kulturproduktion einem professionelleren, eher nüchtern zu nennenden Arbeitsethos. Zwar konnte man noch nicht wissen, daß die erste gelungene paketvermittelte Datenübertragung am 29. Oktober 1969 die technische Grundlage für ein ganzes Zeitalter pragmatischer Wirklichkeitsprojektion namens Internet-Ära legte, doch standen die Zeichen wieder auf Realitätstauglichkeit, um nicht zu sagen Rückkehr zur Bescheidenheit bürgerlichen Lebens. Eine die herrschenden Gesellschaftsverhältnisse mit augenzwinkernder Ironie kommentierende anstatt ihnen mit offener Opposition begegnende Kulturproduktion kam so routiniert wie überlegt zu Werke gehenden Künstlern wie Frank Zappa durchaus gelegen. Ihm ging es erklärtermaßen um die Verwirklichung künstlerischer Ideale, die den damals hoch im Kurs stehenden Anspruch, das Politische in allen Bereichen des Lebens und Arbeitens zu verwirklichen, von vornherein ausschlossen.

Hot Rats unterschied sich von den mit den Mothers eingespielten Werken der letzten Jahre nicht nur dadurch, daß nur auf einem Stück gesungen wurde. Auf dem Album sind erstmals lange Gitarrenimprovisationen zu hören, was diejenigen Zappa-Fans, die sein großes Können beim Erzeugen eines hochgradig rockkompatiblen Sounds aus elektrisch verstärkten und vom WahWah-Pedal verfremdeten Saitenanschlägen seit jeher zu schätzen wußten, rundheraus begeisterte. Eingespielt mit den im Jazz großgewordenen Violinisten Don "Sugarcane" Harris und Jean-Luc Ponty sowie stark beeinflußt von dem durch avantgardistischen Jazz inspirierten Multinistrumentalisten und Keyboarder Ian Underwood, der als einziger aus der Stammbesetzung der Mothers bei dieser Produktion vertreten war, gilt das Album als eines der ersten Werke, mit dem die Ära der Fusion- oder auch Jazz-Rock-Musik der 1970er Jahre eröffnet wurde. Besonders erwähnenswert unter den Frühwerken dieses Genres und ein halbes Jahr zuvor veröffentlicht ist Emergency! von der Tony Williams Lifetime, doch Zappa steht der Ruhm, maßgeblich an seiner Einführung beteiligt gewesen zu sein, durchaus zu.

Während der Opener Peaches In Regalia mit seinem komplexen Arrangement und seiner ungewöhnlichen Melodieführung das Können des Komponisten Zappa dokumentiert und heute als Klassiker der Fusion-Musik gilt, tritt er auf dem Blues Rock-Stück Willie The Pimp als Rockgitarrist reinsten Wassers in Erscheinung. Vom Musikmagazin Rolling Stone 2008 auf der Liste der 100 größten Gitarrensongs aller Zeiten auf Platz 75 gesetzt wird dort ein dynamisches Interplay zwischen dem Jazzbassisten Max Bennett, der Zappa bei dieser Aufnahmesession zum ersten Mal begegnet war, und der Sologitarre entfacht, das selbst unter den vielen langen Soli am zentralen Instrument des Rock'n'Roll, die das Publikum in diesen Zeiten begeisterten, herausstach. Als wie eigens dafür geschaffen, den harten Beat und rauhen Sound des Titels stimmlich zu ergänzen, meldet sich Zappas Schulfreund Don Van Vliet, besser bekannt als Cpt. Beefheart, zu Wort.

Durch die deutlich vernehmbar vom Notenblatt abgelesene Struktur des folgenden Titels Son of Mr. Green Genes führen Keyboards und Bläser, wiederum von Zappas rockigen Gitarrensoli für den konventionelleren Musikgeschmack hörbar gemacht. Auf das ausgesprochen jazzige Little Umbrellas folgt das 17minütige The Gumbo Variation, das wie eine Jam Session wirkt, aber ebenso wie alle anderen Stücke des Albums sorgfältig am Mischpult editiert wurde. It Must Be A Camel wiederum wartet mit komplizierten Wendungen und Brüchen auf, wodurch Zappa daran erinnert, daß sein künstlerisches Bekenntnis vor allem in der das Publikum stark beanspruchenden bis überfordernden Avantgarde-Musik liegt. Die Violine bedient der virtuose französische Instrumentalist Jean-Luc Ponty, der im Oktober 1969 ein von Zappa komponiertes und arrangiertes Jazz-Album namens King Kong: Jean-Luc Ponty Plays the Music of Frank Zappa einspielte.

Hot Rats gilt heute als Klassiker der progressiven Rock- und Fusion-Musik und wird in den meisten Allzeitrankings der Musikmagazine mit einem hohen Platz gewürdigt. Der Künstler Frank Zappa produzierte in den folgenden Jahren kreative Errungenschaften wie das multimediale Projekt 200 Motels, die Fusion-Alben Waka/Jawaka und The Grand Wazoo sowie die sehr erfolgreichen Rockalben Overnite Sensation oder Apostrophe ('). Obwohl von Fans wie Experten der Rockmusik als Sologitarrist bewundert und hochgeschätzt, ist seine Berühmtheit vor allem dem nie abreißenden Strom origineller musikalischer Einfälle und ambitionierter Kompositionen geschuldet.

Politisch ist Zappa als explizit antikommunistischer Verfechter der sogenannten freien Marktwirtschaft dem Lager republikanisch-libertärer Konservativer zuzurechnen. Das ist insofern paradox, als ebendort die vielen GegnerInnen seiner häufig sexuell aufgeladenen bis sexistisch provozierenden Texte zu finden sind. 1985 stand er im Mittelpunkt einer von der Gattin des Vizepräsidenten Al Gore, Tipper Gore, initiierten Gesetzgebung, mit der die Musikindustrie dazu angehalten wurde, auf den Albumcovern auf Texte hinzuweisen, die als anstößig und verletzend empfunden werden könnten. Der marktradikal-libertären Ideologie gemäß war der am 4. Dezember 1993 verstorbene Zappa ebensosehr ein starker Verfechter unregulierter Meinungsfreiheit, wie er die privatwirtschaftliche Eigentumsordnung vehement gegen ihre linken KritikerInnen verteidigte.

Aus heutiger Sicht wirkt das Ironisieren von allem und jedem, das Zappas Werk wie ein roter Faden durchzieht und zum zentralen Merkmal seiner Künstlerpersönlichkeit verallgemeinert werden könnte, weniger als Tugend intellektueller Distanziertheit denn als Problem einer Abgehobenheit, mit der sich die Härten des Lebens zwar besser abfedern lassen, die aber auch jenen Mangel an Empathie hervorbringt, der einen emanzipatorischen Umgang mit den Widrigkeiten sozialer und politischer Gewaltverhältnisse nicht eben begünstigt. Ganz wie der Witz, mit dem angeblich niemand im besonderen gemeint ist und der deswegen diejenigen, die nicht anders können, als sich gemeint zu fühlen, wirksam in die Defensive drängt, wird zappaeske Coolness häufig als arrogant und Ausdruck bourgeoisen Distinktionsstrebens empfunden. Das schmälert die Bedeutung seiner Kunst, die stets eine Sonderstellung im Kosmos der Popkultur einnahm, für deren Geschichte keineswegs, erklärt aber auch, wieso ihre Relevanz von eher musealer denn zukunftsweisender Bedeutung ist.


Fußnote:

[1] entnommen aus: Zapped - Frank Zappa in seinen eigenen Worten, auf arte ausgestrahlte TV-Version des Dokumentarfilms Eat That Question von Thorsten Schütte, Deutschland 2016

29. Oktober 2019


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